«Social Media ist nicht schwarz-weiss»: Wie Social Media psychische Gesundheit beeinflussen

Social Media entlasten und belasten Jugendliche zugleich. Im Interview erklärt die Gesundheits- und Medienpsychologin Ronia Schiftan, warum Social Media psychische Probleme nicht nur begünstigen können, sondern bestehende Dynamiken verstärken: Vom Körperbild über Informationsflut bis zu Dark Patterns. Entscheidend seien Vulnerabilität, stabile Lebensbedingungen und ein Dialog auf Augenhöhe.

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Ronia Schiftan ist Gesundheits- und Medienpsychologin. Sie spezialisiert sich auf die Auswirkung von sozialen Medien auf das Gesundheitsverhalten und die Bedeutung eines positiven Körperbildes für unsere Gesundheit. Ihr Tätigkeitsfokus liegt in der Gesundheitsförderung sowie in der gesundheitspsychologischen Beratung.

Ungefähr ein Drittel aller Schweizer Jugendlichen leidet unter psychischen Problemen. Welche Rolle spielt Social Media dabei?

Ronia Schiftan: In Bezug auf Social Media sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen; es ist kein einseitiger Effekt. Spannend ist, dass sich die Effekte teilweise aufheben, weil es positive und negative Einflüsse gibt. Es gibt Einflüsse, die der psychischen Gesundheit helfen: Dazu zählen sozialer Austausch sowie das Bewältigen entwicklungsbezogener Herausforderungen oder auch Entstigmatisierung von Psychischen Belastungen. Dann finden Jugendliche Identifikationsfiguren und Vorbilder. Auch wenn sie Sorgen haben, finden sie eher Peers, eher Austausch und unter Umständen Entlastung.

Was hilft der psychischen Gesundheit eher nicht?
Der Social-Media-Konsum selbst kann einen Impact auf das psychische Erleben haben. Es kann eine Symptomatik verstärken, wenn Social Media konsumiert wird, um Emotionen zu regulieren. Man spricht von einem Mood-Management: Wenn es dir nicht gut geht, konsumierst du tendenziell (unbewusst oder bewusst) Inhalte, die eher verstärkend wirken können. Zum Beispiel traurige Musik. So können Jugendliche auch von einem Algorithmus in eine Verstimmungsverstärkung befördert werden.

Ein weiterer Aspekt ist der Informationsüberfluss: Mit Social Media bist du automatisch immer mit der ganzen Welt konfrontiert. Je nachdem, in welchem Algorithmus-Kontext sich eine Person befindet, wird sie mit immer schlimmer werdenden Bildern von Weltgeschehnissen konfrontiert. Dieses Gefühl von «ich bin voll drin, und die Welt ist aussichtslos» kann die psychische Gesundheit weiter verschlechtern. Ein weiterer Faktor ist das Selbst- oder Körperbild, der soziale Vergleich: So komplex wie psychische Gesundheit ist, so komplex sind auch sozialpsychologische Effekte. 

Heisst das, Social Media verstärkt jene gesellschaftlichen Strukturen, die auch ohne Social Media zu psychischem Druck führen?

Tatsächlich werden Phänomene, die wir sowieso in der Gesellschaft haben, über Social Media noch verstärkt. Zum Beispiel der Schlankheitsdruck: Dieser wird sehr stark visualisiert und konstant mit Bildern untermauert. Unser Hirn lernt durch diese Bilder. Wenn man beispielsweise mit dem eigenen Erscheinungsbild zurechtkommen möchte und dann dauernd bearbeitete und idealisierte Bilder sieht, die nicht der Realität entsprechen, verstärkt dies die Möglichkeit eines verzerrten Körperbildes.

Gibt es folglich Hinweise aus der Forschung, dass solche Körperbildstörungen auf Grund von Social Media zugenommen haben?

Es gibt effektiv eine Zunahme von Störungen. Wir müssen bzgl. Kausalität aber immer aufpassen. Da spielen sicher mehrere Effekte zusammen. Was man aber sicher sieht: Je mehr jemand in Social Media unterwegs ist, desto höher ist der Zusammenhang, spezifisch im Bereich Essstörung.

Das Problem ist also nicht per se der Social Media Konsum, sondern eher die konsumierten Inhalte? 

Ja, und welchen gesundheitlichen Boden eine Person mitbringt. Je nach Vulnerabilität bist du verschieden gefährdet. Es ist abhängig davon, was ich konsumiere, wie ich konsumiere, mit welchen Menschen ich mich auf Social Media umgebe und was im Offline-Leben passiert. Wir sprechen sehr oft über dieses Online-Leben, aber die zentralen Fragen sind oft: Was passiert offline? Wie geht es dir in der Schule? Wie ist dein Zuhause? Wie geht es dir grundsätzlich im Leben? Hast du ein sicheres Zuhause?

Manchmal wünsche ich mir dort mehr Fokus, anstatt immer nur zu fragen: Was macht Social Media? Das ist zwar sehr wichtig, aber oft ist die Frage, welchen Boden jemand mitbringt, zentral. Ein Zuhause, in dem man Unterstützung bekommt, in dem ich angenommen werde, wie ich bin, ist wichtig für eine gute psychische Gesundheit.

Gibt es bestimmte gesellschaftliche Gruppen, für die Social Media besonders zu Stressfaktor werden kann?

Dazu fehlen uns die Daten. Da es zur Lebensrealität gehört, ist es schwierig zu messen, welche Stressoren von Social Media ausgelöst werden. Was aber wichtig ist: Es kommt auf die Entwicklungsstufe an. Beispielsweise ist die Pubertät eine besonders vulnerable Phase. In einer Lebensphase, in der Identitätsfindung das Hauptthema ist, kann Social Media verstärkend ein Stressor sein. Weil man sich dauernd vergleicht. Oder Fitness-Influencer-Tipps auf fruchtbaren Boden stossen, weil man sowieso auch körperblich im Wandel ist. Dann rutschen Jugendliche plötzlich in ein Verhalten, das nicht optimal für ihre Gesundheit ist. Es kommt also darauf an, wie vulnerabel eine Person ist, wie es ihr generell geht. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle:  Der sozioökonomische Status beispielsweise ist ein Grundstressor fürs Leben.

Es ist also davon auszugehen, dass Menschen, die ohnehin belastet sind, auch in Bezug auf Social Media stärker betroffen sind?

Ja – und gleichzeitig möchte ich aufpassen, dass es nicht in eine Schiene läuft von «die einen sind betroffen, die anderen nicht». Die Frage ist immer: Wie viele Ressourcen bringt ein Mensch mit, um negative Einflüsse zu puffern? Wenn du ein sehr stabiles Leben mitbringst, heisst das nicht, dass kein Effekt besteht. Du kannst genauso stark mit Inhalten von Social Media beschäftigt sein. Das gilt für alle Menschen, unabhängig von der sozioökonomischen Schichtung. Wichtiger ist zu fragen: Wie vulnerabel ist ein Mensch? Und Vulnerabilität kann auch mit Lebensveränderungen oder persönlichen Krisen einhergehen. 

Jugendliche entwickeln mit Content-Creators oft intime, aber einseitige Beziehungen.

Diese Beziehungen nennen wir parasozial. Jugendliche kriegen so viel vom Alltag einer Influencerin mit, dass eine Art Beziehung stattfindet. Sie fühlen Nähe und Vertrautheit, obwohl sie sich de facto gar nicht kennen. Dies führt über den digitalen Weg zu einer einseitigen Beziehung.

Verursacht das eine gewisse Einsamkeit?

Beziehungserfahrung hat mit Reziprozität zu tun, also dass du auch etwas vom Gegenüber zurückkriegst. Der Punkt ist aber: Auf eine Art findet das auch auf Social Media statt. Du wirst teils direkt angesprochen – «hey, liebe Follower, etc.» – du bist in Interaktion. Wenn dein soziales Gefüge sonst aber sehr reduziert ist und du nur solche Beziehungserfahrungen machst, kann das zu starker Einsamkeit führen. Bist du sonst stabil aufgestellt, entsteht vielleicht eine Andeutung einer solchen Beziehung, aber sie hat nicht diese Gewichtung.

Heisst das, wenn wir die Problematik «Social Media und psychische Gesundheit» angehen wollen, müssen wir nicht im Online-Bereich, sondern im analogen Bereich ansetzen?

Wir müssen beides. Im Kontext von Social Media braucht es Massnahmen. Es braucht eine Risikoreduktion – etwa im Umgang mit Wissen oder Fake News. Influencerinnen und Influencer müssen wissen, welche Verantwortung sie haben und was mit ihren Followers und Followerinnen passiert, wenn sie Fake-Bilder posten. Es braucht einen verantwortungsvollen Umgang und auch verantwortungsvollen Content. Daran müssen wir arbeiten.

Und es geht nicht nur um Risikoreduktion, sondern auch um Chancenförderung. Social Media kann beispielsweise in der Gesundheitsförderung positive Effekte haben. Wir dürfen anerkennen, dass es viele Influencerinnen und Influencer gibt, die einen verdammt guten Job machen. Die darf man unterstützen und weiterbilden. 

Das heisst, du plädierst für einen ganzheitlichen Ansatz, der online und offline Leben miteinbezieht?

Definitiv. Es braucht eine stabilen Lebensbasis für junge Menschen. Das bedeutet beispielsweise Chancengerechtigkeit oder eine Verbesserung des sozioökonomischen Status. Gesellschaftliche Faktoren müssen immer mitberücksichtigt werden. Wir können lange von «bösen Social Media» sprechen: Wenn man dort den Fokus setzt, vergisst man, wie soziale Ungerechtigkeit in der Schweiz oder auch ein stark geltender Leistungsdruck zu höheren psychischen Belastungen führen kann. Darum kommen wir nicht darum herum, vor allem auch in Gesundheitsförderung zu investieren.

Gerade in Bezug auf psychische Gesundheit konzentrieren wir uns oft darauf, wie sich Jugendliche oder Influencer verhalten sollen. Die Kernfrage ist für mich aber: Welche Verhältnisse gewährleisten wir? Solange wir stressige und gesundheitsabträgliche Bedingungen schaffen, gute Verhältnisse für Jugendliche nicht gewährleisten und ihre psychische Gesundheit nicht adäquat stützen können, sind sie vulnerabler.

Welche Verantwortung tragen die Plattformen?

Plattformen tragen eine grosse Verantwortung und müssen entsprechend in die Pflicht genommen werden. Schrecklicherweise passiert dort gerade ein Abbau, beispielsweise bei Meta beim Kampf gegen Fake News. Je nach technischer Entwicklung hat das einen Impact auf das Erleben der User. Dass du endlos scrollen kannst, dass es nie fertig ist, nie aufhört, das ist eine technische Entwicklung, die Verantwortung mit sich trägt. Die Frage ist: Wird sie getragen oder nicht?

Das Ausnutzen vulnerabler Personen ist ja auch ein Business-Modell.

Das nennt man Dark Patterns. Das sind Algorithmen, die extra so konstruiert werden, dass du z.B. süchtig wirst. Das ist bei Handy-Games mit in-App-Käufen sehr bekannt. Da hat man immer das Gefühl, «jetzt kommt noch was dazu», und wenn ich weiterwill, muss ich einen Batzen zahlen. Das ist natürlich lukrativ.

Gibt es evidenzbasierte Präventionsansätze, die Jugendliche aktiv vor den Auswirkungen von Social Media schützen können?

Evidenz ist eine gute Frage, weil Wirkungsmessung in diesem Bereich hinterherhinkt. Es ist ein sehr schnell entwickelnder Bereich. Darum scheue ich mich, über Evidenz zu sprechen. Aber es gibt Ansätze, die sehr vielversprechend sind.

Einerseits ist es wichtig, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen sowie der Eltern zu stärken. Kritisches Denken ist eine der wichtigsten Lebenskompetenzen: Fake News erkennen, reflektierter Umgang, Content-Stream einrichten und so weiter. Andererseits braucht es Interventionen bei den Plattformen. In der Corona-Zeit hat man gut gesehen, wie zielführend die Massnahmen in Bezug auf Fake News sein können.

Und ein Ansatz, den wir gerade verfolgen – ohne dass wir schon Evidenz liefern können – ist ein Projekt namens In Charge. Im Zentrum steht die Idee, Influencerinnen für eine Charta für verantwortungsvolles Handeln zu gewinnen und langfristig ein Label aufzubauen, das durch Weiterbildungen erworben werden kann. Damit soll sichtbar gemacht werden, was gut funktioniert.

Ist das für Werbepartner attraktiv?

Ja, eigentlich schon. Die, die Beiträge in Auftrag geben, wollen auch nicht, dass Fake News verbreitet werden. Auftraggebende wollen InfluencerInnen, die es gut machen. Sie wollen nicht mit einem Shitstorm konfrontiert werden, weil etwas falsch vermittelt wurde. Darum ist das Interesse bei wichtigen Verantwortungs-Stakeholdern der Industrie wie bspw. Werbepartner da.

Länder wie Australien haben Social Media für junge Teenagerinnen und Teenager verboten. Was hältst du davon?

Ich bin super ambivalent. Ich kann im Moment keine klare Antwort geben. Die Frage ist immer: Was passiert im Übergang eines solchen Verbots? Wie werden Jugendliche begleitet? Wie gestaltet man den Übergang in die «erlaubte» Nutzung? Ich würde mich im Moment nicht auf eine Aussage einlassen, denn die Komplexität davon ist zu hoch. Wir müssten genau monitoren, wie ein solcher Verlauf eines Verbotes wirkt. Ich bin aktuell kritisch.

Was ist die zentrale Botschaft, welche du besorgten Eltern oder Fachpersonen mitgeben willst, die mit Jugendlichen arbeiten?

Social Media ist sicher nicht schwarz-weiss. Sie gehört zur Lebensrealität junger Menschen dazu. Es ist Teil ihrer Erlebniswelt. Ich möchte Erwachsene, die keine Social-Media-Affinität haben, ermutigen, sich damit vertraut zu machen, es zu verstehen und nicht kategorisch abzulehnen. Nur so kann ein Dialog stattfinden.

Eine praktische Massnahme ist: Geht mit Jugendlichen ihre Wall, die Chronik durch. Wem folgst du, welchen Content nutzt du? Dieses bewusste Steuern der Inhalte ist eine wichtige Kompetenz von Jugendlichen. Zudem sollte man sich die Frage stellen, wie es einem nach dem Konsum geht. Wenn man spürt, es tut gut, ist das ein gutes Zeichen. Fühlt sich eine Person nicht wohl, sollte man das anschauen. Ich möchte Personen motivieren, das eigene Verhalten zu reflektieren: Was passiert eigentlich mit mir? Mit welchen Menschen willst du deinen Alltag verbringen? Und selbstverständlich ist es auch sinnvoll, viel Freiraum für «offline-Aktivitäten» zu ermöglichen. Wenn der Stundenplan und die Hausaufgabenbeige so platschvoll ist, muss man sich bedingt fragen, weshalb Jugendliche dann keine Energie für anderes als scrollen mehr haben.

Schauen, was konsumiert wird – ist das der Weg, um Warnsignale zu erkennen und frühzeitig zu intervenieren?

Wichtiger ist, darüber in Dialog zu treten. Wie du als Erwachsener dazu stehst, kann Jugendlichen herzlich egal sein. Dann habt ihr eher eine Diskussion über den aktuellen Modetrend. Relevant ist, dass ein Dialog stattfindet und dass es Lernbereitschaft von der Erwachsenenseite gibt. Oft sind Jugendliche gerade im Medienkonsum kompetenter als viele Erwachsene. Deshalb muss ein Austausch auf Augenhöhe stattfinden.

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