Beforemore

Prävention nutzt Google gegen Missbrauchsbilder

Google hat kürzlich erstmals Daten veröffentlicht, ob und wie Warnhinweise bei der Suche nach Missbrauchsdarstellungen – so genannter Kinderpornografie – wirken. Wir vergleichen die Erhebungen mit unseren eigenen Erfahrungen und mit einer neuen Studie zum Selbstverständnis von Konsumenten von Missbrauchsbildern.

Unsplash Themenbild
Auch Beforemore nutzt Google Ads, um Menschen auf möglichen Missbrauch im Internet aufmerksam zu machen.

Digitale Warnhinweise erreichen Konsumenten von Kinderpornografie genau dann, wenn sie nach verbotenen Inhalten suchen.

Manchmal ist es Neugier, manchmal sexuelle Lust, manchmal der Drang nach immer extremeren Bildern: Die Motive, aus denen Menschen bei Google nach Missbrauchsbildern mit Kindern (sogenannter Kinderpornografie) suchen, sind vielfältig – von «Teen porn», das sich zu «Young teen porn» steigert, bis zu expliziten Begriffen, Codewörtern und Abkürzungen. Bei dieser Suche setzt eine neue Form der Prävention an: digitale Warnhinweise, die Menschen dann erreichen, wenn sie ihr Verhalten gerade ausleben.

Google hat kürzlich erstmals Daten veröffentlicht, ob und wie solche Warnhinweise wirken. Dieser Artikel vergleicht sie mit unseren eigenen Erfahrungen und mit einer neuen Studie zum Selbstverständnis von Konsumenten von Missbrauchsbildern.

Was die Google-Studie zeigt

Google zeigt seit mehr als zehn Jahren bei Suchanfragen mit sexuell explizitem Inhalt und Bezug zu Minderjährigen eine Warnmeldung ganz oben auf der Ergebnisseite an. Anfang 2025 hat Google diese Warnmeldung verändert: Neu stehen Hilfsangebote im Vordergrund. So lautet der Warnhinweis nun: «Die Suche nach sexuell expliziten Bildern von Kindern kann ernsthafte Konsequenzen für Sie und Andere haben. Wenn Sie sich Sorgen machen, sexuelle Bilder von Kindern anzusehen, oder entsprechende Impulse verspüren, können Sie anonyme, vertrauliche und wirksame Hilfe in Anspruch nehmen.» Es folgt ein Link auf lokale Präventionsstellen wie „Kein Täter werden“ in Deutschland – dies bisher in elf Ländern.

Um die Wirkung zu messen, verglich Google das Suchverhalten in neun dieser Länder mit fünf Vergleichsländern ohne Warnmeldung, darunter die Schweiz. Das Ergebnis: Wer die neue Meldung sah, suchte innerhalb derselben Sitzung seltener erneut nach einschlägigem Material. Nach rund sieben Wochen pendelte sich der Effekt bei etwa 6 Prozentpunkten weniger Folgesuchen ein, verglichen mit dem, was ohne die neue Meldung zu erwarten gewesen wäre.

Zusätzlich klickten 0,73 % der Sitzungen auf ein verlinktes Hilfsangebot – bei knapp 700’000 untersuchten Sitzungen ergibt dies ca. 5’000 Klicks. Die Helplines bestätigen den Effekt: Bei „Talking for Change“ in Kanada zum Beispiel im Schnitt um 6,2 Besuchende pro Tag.

Wichtig: Gemessen wurde nur das Verhalten innerhalb einer Suchsitzung, nicht ein langfristiger Effekt. Ob Betroffene stattdessen auf andere Suchmaschinen ausweichen, bleibt offen.

Die Schweizer Lücke

In der Schweiz gibt es bisher keine solche Warnmeldung: Google filtert zwar auch hier Missbrauchsabbildungen aus den Suchergebnissen, zeigt aber keinen Hinweis auf Illegalität oder Hilfsangebote. Diese Lücke versucht Beforemore mit einer eigenen Kampagne zu schliessen.

Seit April schaltet Beforemore auf Google gezielte Anzeigen bei rund 250 problematischen Suchbegriffen, die unter anderem mit Polizeikorps erarbeitet wurden – gestützt zum Beispiel auf Dateinamen von beschlagnahmten Datenträgern.

Bisher wurde unsere Anzeige bei 231 Suchanfragen gezeigt, 11 Personen klickten direkt darauf – eine Klickrate von knapp 5 %. Über Retargeting (wiederholte Anzeige auf anderen Kanälen, Websiten, YouTube, Gmail) kamen wir auf insgesamt 23’663 Einblendungen und 361 Klicks, eine Gesamt-Klickrate von rund 1,5 %.

Was die Innenperspektive zeigt

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Charles University Prag und weiteren Institutionen in der Slowakei, Schweden, Spanien und Deutschland zeigt, was in jenen Personen vorgeht, die wir zu erreichen versuchen: Das internationale Forschungsteam hat 32 anonyme Chat-Interviews mit Personen geführt, die ein sexuelles Interesse an Kindern angeben, Missbrauchsabbildungen konsumieren und (noch) nicht polizeibekannt sind.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Innerer Konflikt: Fast alle erkennen den Schaden ihres Verhaltens an, beschreiben die Impulse aber als kaum kontrollierbar – eine Konflikt zwischen Moral und Verlangen. Viele fragen sich, ob sie «normal» sind, und suchen nach Erklärungen (angeboren, erlernt, suchtartig), um mit Scham und Verantwortung umzugehen.
  • Angst und Isolation: Die Furcht vor Entdeckung durch Angehörige oder Behörden prägt den Alltag vieler Betroffener. Die meisten hatten vor dem Interview noch nie mit jemandem über ihr Verhalten gesprochen. Legen Betroffene ihr Geheimnis offen, berichten viele von Erleichterung.
  • Lebensumstände als Regulator: Stabile Beziehungen, Wohlbefinden und Tagesstruktur wirken schützend – sie beseitigen die Neigung nicht, stärken aber die Fähigkeit, ihr zu widerstehen. Einsamkeit und Langeweile erhöhen das Risiko.

Zentraler Befund: Bewusstsein über den Schaden allein führt kaum zu Verhaltensänderung – fast alle wussten das bereits, konnten es aber nicht stoppen. Entscheidender ist, ob jemand über genug Selbstregulation, soziale Anbindung und Unterstützung verfügt, um seine Motivation tatsächlich umzusetzen.

Schamreduktion vs. Schreckmoment

Bei der Art, wie Hilfe angeboten wird, unterscheiden sich unsere Anzeigen von jenen von Google deutlich: Der Warnhinweis von Google ist zurückhaltend und hilfsorientiert formuliert,  unsere Anzeigen deutlich direkter – die häufigsten Überschriften lauten „Hast du Kinderpornos gesucht?“ und „Sex-Fantasien mit Kindern?“

Dieser Sprachunterschied ist Ausdruck zweier unterschiedlicher Überzeugungen, wie man Menschen zum Hilfesuchen bewegt.

Googles Logik: Scham ist das grösste Hindernis fürs Hilfesuchen: Wer sich blossgestellt fühlt, zieht sich eher zurück. Deshalb setzt Google auf eine warme, nicht wertende Sprache, die Hoffnung statt Angst vermittelt.

Unsere Logik: In der Beratungspraxis melden sich Betroffene am ehesten, wenn ein akuter Schreckmoment die alltägliche Verdrängung durchbricht – etwa wenn Angehörige etwas gemerkt haben, oder die Polizei vor der Tür stand. Solche Momente zwingen zur Auseinandersetzung mit der eigenen Neigung. Genau das sollen unsere Anzeigen auslösen: Die Person soll erschrecken und sich ertappt fühlen. Dieser Zugang stützt sich auch auf Rückmeldungen ehemaliger Konsumenten aus unseren Therapiegruppen, denen Klarheit und Direktheit wichtig war.

Beide Logiken widersprechen sich nicht: Nach unserem Weckruf bieten auch wir einen hilfsorientierten Raum in der Beratung.

Digitale Prävention in Suchmaschinen kann den ersten Riss in einer Mauer aus Verdrängung und Isolation schaffen. Wir setzen uns dafür ein, dass die Schweiz künftig von Googles eigener Warnmeldung profitiert. Bis dahin nutzen wir mit unserer Kampagne genau jenes kurze, aber entscheidende Zeitfenster, in dem sich jemand erstmals mit seiner Neigung konfrontiert sieht.

INFOS FÜR FACHPERSONEN

Beforemore berät nicht nur Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, sondern auch Fachpersonen. Die Kurzberatung ist kostenlos, egal ob für Therapuet:innen, Sozialarbeitende, Mitarbeitende des Gesundheitswesen oder Verantwortliche von Vereinen. Hier geht’s zu unserer Seite für Fachpersonen.

Quellen:

Studie von Google: Umbach, R., Hunt, G., Buckley, J., Scanlan, J., Ó Ciardha, C., Quayle, E., Heasman, A., von Heyden, M., Letourneau, E., Findlater, D., Insoll, T., Wortley, R., Steel, C. & Roy, A. (2026). „Deterring Searches for Child Sexual Abuse Material on Google Search and Promoting Help-Seeking“. arXiv:2606.06126.

Studie zum CSAM-Konsum: Nemcová, L., Schreier, A., Karousová, T., Kalenská, L., Bianchi, G., Breide, M., Lindegren, S., Ballester-Arnal, R., Briken, P., Chovanec, M., Dixelius, S., Elipe-Miravet, M., Högström, L., Holmberg, J., Korkutan, T., Metenko, J., Prantner, S., Zakreski, E., Rahm, C. & Klapilová, K. (2026). „Identity under threat: internal conflict and stigma in undetected child sexual abuse material users„. Frontiers in Psychiatry, 17:1830667.

Über den Autor

Beforemore

Andere

Beforemore ist eine Fachstelle für Prävention und Beratung bei Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch und Anlaufstelle für Angehörige sowie Fachpersonen.

Zur Organisation

Neue Aktivitäten fehlen?

Arbeiten Sie in einer Behörde / NPO / sonstigen Organisation im Bereich der Prävention, dann haben Sie hier die Möglichkeit ...

  • Artikel schreiben
  • Bilder herunterladen
  • Adressverzeichnis nutzen

Sie besitzen bereits ein Konto? Jetzt einloggen

Nach oben scrollen