Kinder- und Jugendgesundheit im Fokus: Erkenntnisse aus dem neuen Monitoring
Der im Juni publizierte Monitoring-Bericht KidsHealthCH schafft erstmals einen umfassenden Überblick über 100 Indikatoren der Kinder- und Jugendgesundheit in der Schweiz. Wie geht es der jüngsten Generation? Welchen Mehrwert hat das neue Monitoring? Und was bleibt zu tun? Im Interview geben die Studienverantwortlichen Sebastian Mader und Damiano Costantini Antworten.
Wie ist der Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz?
D. Costantini: Mehrheitlich sehr gut: Die meisten berichten, dass es ihnen gut geht. Es gibt aber auch Indikatoren, die sich negativ entwickelt haben.
S. Mader: Viele Indikatoren zeigen, dass die Belastungen zunehmen – besonders bei der psychischen Gesundheit, bei chronischen Beschwerden, aber auch durch soziale Risiken. Betroffen sind vor allem Mädchen und junge Frauen, aber auch sozioökonomisch benachteiligte Gruppen. Es zeigen sich zunehmend psychische Auffälligkeiten wie depressive Symptome und psychische Belastungen. Auch körperliche Beschwerden wie Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen treten häufiger auf.
Schlägt sich dies in Hospitalisierungen nieder?
S. Mader: Hospitalisierungen wegen psychischer Erkrankungen und Suizidversuchen nehmen zu, vor allem bei Mädchen und jungen Frauen. Ebenfalls häufiger sind Hospitalisierungen aufgrund von substanzbedingten Störungen, vor allem im Zusammenhang mit Cannabis, Beruhigungs- und Schlafmitteln, Kokain und Alkohol.
Gibt es noch andere Indikatoren, die sich negativ entwickelt haben?
S. Mader: Der Anteil der Jugendlichen, die weder erwerbstätig noch in Ausbildung sind, steigt. Und viele erleben Diskriminierung. Die Daten zeigen auch, dass Minderjährige immer mehr von Misshandlungen betroffen sind.
D. Costantini: Auch soziale Belastungen wie Mobbing und schulischer Stress sind häufiger oder bleiben auf hohem Niveau. Bei den Daten zu Online-Mobbing beobachten wir einen Zuwachs von 70 Prozent.
Lassen sich diese negativen Entwicklungen erklären?
D. Costantini: Ein Viertel unserer Daten stammt von der Schulkinder-Befragung HBSC. Diese wird alle vier Jahre durchgeführt, das letzte Mal im Frühjahr 2022. Das war während der Ausläufer der Omikron-Welle der Covid-19-Pandemie. Das könnte schon einiges erklären. Es war das dritte, von Pandemie-Schutzmassnahmen geprägte Schuljahr: Eingeschränkte Freizeitaktivitäten, ständige Tests und Quarantänen, fehlende Lehrpersonen – der Alltag der Jugendlichen war damals ein anderer. Das könnte sie geprägt haben und sich in den Daten abbilden. Allerdings hatte sich die psychische Gesundheit bereits vor der Pandemie verschlechtert. Ich hoffe aber sehr, dass negative Indikatoren wie vermehrter Schulstress oder Online-Mobbing tatsächlich auf die Pandemie zurückzuführen waren. Dieses Jahr wird die Befragung erneut durchgeführt – hoffentlich entwickeln sich die Indikatoren wieder in die andere Richtung.
S. Mader: Neben der Covid-19-Pandemie spielen auch andere gesellschaftliche Krisenlagen und Entwicklungen eine Rolle, wie der Klimawandel, Kriege, der demografische Wandel oder technologische Entwicklungen.
Liefert der Bericht eine zentrale neue Erkenntnis?
D. Costantini: Die Daten waren eigentlich alle schon vorhanden. Das neue ist, dass wir nun 100 Indikatoren zusammengeführt haben zu einem umfassenden, nationalen Überblick.
S. Mader: Der Bericht zeigt zentrale Trends auf und macht bestehende Datenlücken sichtbar.
Was sind die «Good News» des Berichts?
D. Costantini: Wir haben nicht geschaut, wo es bereits Daten hat – das war kein Kriterium. Gemeinsam mit zahlreichen Experten haben wir gefragt: Welche Daten brauchen wir? Die «Good News»: Für rund 85 Indikatoren hatten wir schon Daten. Und wir wissen nun, was noch fehlt. Wir wissen, was wir verbessern können und wo noch Daten produziert werden müssen. Und auch inhaltlich gibt es einige «Good News». Was mich besonders gefreut hat: Heute wachsen weniger Kinder in Haushalten auf, die von problematischem Substanzkonsum der Eltern betroffen sind. Dadurch sind Kinder seltener belastenden familiären Umständen ausgesetzt.
Wo hat sich das Gesundheitsverhalten der jüngsten Generation positiv verändert?
S. Mader: Kinder bewegen sich heute mehr, trinken weniger gesüsste Getränke und der Alkohol- und Cannabiskonsum scheint insgesamt leicht zurückzugehen.
D. Costantini: Dass der Alkoholkonsum abgenommen hat, haben wir bei der HBSC-Studie gesehen, die 11- bis 15-Jährige befragt. Bei der Gesundheitsbefragung, bei welcher die Befragten etwas älter sind, war der Konsum ähnlich wie in früheren Befragungen. Das heisst aber, dass Kinder und Jugendliche später mit dem Alkoholkonsum beginnen. Und auch das ist eine wirklich gute Neuigkeit: Denn ein späterer Einstieg verringert das Risiko, später problematische Konsummuster oder Abhängigkeiten zu entwickeln. Bereits eine Verzögerung um ein bis zwei Jahre kann einen wichtigen Unterschied machen.
Eine andere positive Entwicklung aus meiner Sicht: Kinder und Jugendliche suchen sich vermehrt Hilfe. Klar kann man das auch anders sehen, denn das belastet das System. Ich bin aber überzeugt: Wenn sie die Hilfe nicht jetzt suchen, entstehen die Kosten später.
Wo verhalten sich Kinder und Jugendliche weniger im Sinne der Gesundheit?
D. Costantini: Beim Konsum von Tabak- und Nikotinprodukten. Das liegt vor allem an den Produkten, welche gezielt an sie vermarktet werden.
S. Mader: Auch Schlafstörungen und die problematische Nutzung sozialer Medien nimmt zu, letzteres vor allem bei Mädchen. Bei den Freizeitaktivtäten beobachten wir, dass 15- bis 19-Jährige immer weniger laufen, spazieren und wandern, umgekehrt aber häufiger gamen.
Wie steht es um die Gesundheitskompetenz bei Kindern und Jugendlichen?
S. Mader: Für die 18- bis 25-Jährigen haben wir hier Daten aus dem Jahr 2020: 53% von ihnen verfügen über eine ausreichende bis ausgezeichnete generelle Gesundheitskompetenz und können damit Gesundheitsinformationen nutzen. Dieser Anteil ist bei der digitalen Gesundheitskompetenz (31%) geringer. Auch die Navigations-Gesundheitskompetenz, das heisst, ob sie Informationen über das Gesundheitssystem nutzen und sich daran orientieren können, ist nur bei 29% vorhanden.
D. Costantini: Was mich sehr freut: Gesundheitskompetenz ist inzwischen Teil der Lehrpläne in der gesamten Schweiz. Wie sich das niederschlägt, wissen wir aber noch nicht – auch, weil wir für die Jüngeren keine Daten haben. Diese versuchen wir nun aber bei 14- und 15-Jährigen pilotmässig zu erheben. Das ist allerdings herausfordernd, da die Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen schwer abzufragen ist. Ein Teil der Gesundheitskompetenz ist beispielsweise, dass man sich in unserem Gesundheitssystem gut auskennt und in der Lage ist, Arzttermine wahrzunehmen, Prämien und Franchisen festzuhalten, sich eine Krankenkasse aussucht usw. Das machen 15-Jährige noch nicht. Selbst die meisten 18-Jährigen noch nicht. Viele wichtige Fähigkeiten werden erst durch praktische Erfahrungen erworben. Da die meisten Kinder und Jugendlichen gesund sind und das Gesundheitssystem selten nutzen müssen, erwerben sie einen Teil dieser Kompetenzen erst später. Deshalb sollte die Förderung der Gesundheitskompetenz über die Schulzeit hinaus fortgesetzt werden.
Wie steht es um die Rahmenbedingungen, welche die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen beeinflussen?
D. Costantini: Die Rahmenbedingungen sind zentral für ein gesundes Aufwachsen: Die Familie, die Schule – alle Settings, in welchen sie viel Zeit verbringen. Ich denke, wir unterschätzen den gesellschaftlichen Einfluss der Schule immer wieder – oder wir fokussieren zu sehr auf Schulleistung. Ab vierjährig bis oft ins Alter von 18 verbringen Kinder einen grossen Teil der Zeit, in der sie wach sind, in der Schule. So hat denn auch der Zukunftsrat U24 bezüglich einer verbesserten psychischen Gesundheit vor allem Empfehlungen für Schulen gemacht. Dort ist für sie ein wesentlicher Lebensmittelpunkt – ein System, dass sie kennen, kritisieren und verbessern wollen.
S. Mader: Bei den Familien sehen wir, dass der Anteil mit risikoreichem Substanzkonsum gesunken, der Anteil von psychisch belasteten Familien aber gestiegen ist. Keine wesentlichen Veränderungen sehen wir bei Faktoren wie dem Bildungsstand von Eltern, relativer Armut oder sozialer Unterstützung – das hat ja alles auch einen Einfluss auf die Gesundheit. Beachtenswert: Die illegale Ab- und Weitergabe von Alkohol- und Tabakprodukten an Jugendliche ist weit verbreitet und nimmt zu. Die Daten stammen allerdings aus dem Jahr 2022. Inzwischen sind die Kantone mit dem Tabakprodukte- und Lebensmittegesetz gesetzlich verpflichtet, Testkäufe durchzuführen – das sollte dem Trend entgegenwirken.
Warum wurde KidsHealthCH ins Leben gerufen?
S. Mader: Es ist ein Ziel der Strategie Gesundheit 2030 des Bundesrates, gesundes Aufwachsen und Altern zu fördern. Dafür braucht es verlässliche Informationen zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Bisher fehlte in der Schweiz jedoch ein systematisches nationales Monitoring der Kinder- und Jugendgesundheit. Dadurch gab es auch keinen umfassenden Überblick über den Gesundheitszustand und bestehende Datenlücken.
D. Costantini: Von verschiedenen Seiten wurde die unzureichende Datenlage thematisiert – beispielsweise im nationalen Gesundheitsbericht 2020 oder auch in parlamentarischen Vorstössen.
Welche Vorteile hat dieses Monitoring?
S. Mader: KidsHealthCH liefert einen umfassenden Überblick über die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Das Monitoring zeigt den Gesundheitszustand, das Gesundheitsverhalten, die Gesundheitsversorgung sowie die gesundheitlichen Rahmenbedingungen auf. Es macht Fortschritte und Handlungsbedarf sichtbar und bildet eine wichtige Grundlage für eine evidenzbasierte Gesundheitspolitik und die Bewertung gesundheitspolitischer Massnahmen.
D. Costantini: Bisher wurde gefordert, dass wir mehr Daten benötigen. Nun lässt sich dies auch konkretisieren. Der Monitoring-Bericht macht aber nicht nur den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen sichtbar, sondern ist eine wichtige Diskussionsgrundlage.
Eine Diskussionsgrundlage?
D. Costantini: Es fördert den Dialog, damit wir Verbesserungen anstossen können. Der Bericht motiviert verschiedene Fachorganisationen wie die Mütter- und Väterberatung oder den Dachverband der Schulpsychologen und -psychologinnen, fehlende Daten künftig systematisch zu erheben und ihre Angebote besser zu dokumentieren. Die Fachleute im Feld leisten einen wichtigen Beitrag zu den Daten. Das Monitoring spornt sie an, systematisch abzubilden, was sie tun. Ich möchte betonen: Es handelt sich hier nicht um ein BAG-Produkt – wir haben keine neuen Daten produziert. Wir haben lediglich zusammengeführt und analysiert, was vorhanden war. Ziel ist es, Bund, Kantone, Gemeinden und Fachorganisationen eine evidenzbasierte Grundlage für Prävention und Gesundheitsförderung zu bieten sowie weitere Akteure zur Erhebung relevanter Daten zu motivieren. Rückmeldungen und Kritik sind erwünscht und sollen dazu beitragen, den Bericht kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Ist das Monitoring ein Ersatz für eine Kohortenstudie der Kinder und Jugendgesundheit?
S. Mader: Das Monitoring dient der Beschreibung der aktuellen Lage und von Trends der Kinder und Jugendgesundheit - also der systematischen Langzeitbeobachtung. KidsHealthCH speist sich aufgrund der thematischen Vielfalt aus vielen verschiedenen Datenquellen – 26 an der Zahl unter Beteiligung von 19 Institutionen. Eine einzige Studie kann das nicht leisten. Eine Kohortenstudie könnte diesen beschreibenden Zweck zwar in Teilen bedienen. Eine solche Studie dient jedoch in erster Linie der Identifikation von wichtigen Einflussfaktoren der Entwicklung von Gesundheit und untersucht die Entwicklungen von spezifischen Krankheiten (Lebensverlaufsperspektive).
Wo sehen Sie nun Handlungsbedarf?
S. Mader: Wir müssen Datenlücken schliessen, vor allem zur Gesundheit in der frühen Kindheit oder zur Gesundheitskompetenz. Und wir benötigen bessere Daten zur Beurteilung der Versorgungssituation.
D. Costantini: Langfristig könnte das elektronische Gesundheitsdossier eine wertvolle Datenquelle sein, etwa für Informationen zu Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen oder Wachstumsdaten. Dafür sind jedoch datenschutzkonforme Lösungen und die Zustimmung der Betroffenen erforderlich, weshalb eine Nutzung erst in ferner Zukunft realistisch ist. Bis dahin bleibt die Verbesserung der Datengrundlagen eine zentrale Aufgabe. Viele Daten, etwa zu Grösse und Gewicht von Kindern und Jugendlichen, werden bereits auf Gemeindeebene erhoben, aber kaum systematisch ausgewertet.
S. Mader: Die Entwicklungen in den vier Themenbereichen – Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten, Gesundheitsversorgung sowie Rahmenbedingungen – zeigen, dass in mehreren Bereichen Handlungsbedarf besteht. Im Vordergrund steht die Förderung der psychischen Gesundheit, insbesondere bei Risikogruppen. Ebenso wichtig sind eine wirksame, alters- und geschlechtssensible Prävention sowie nachhaltige Investitionen in Prävention und Gesundheitsförderung. Zudem muss der Jugendschutz bei Tabak, Nikotin und Alkohol konsequent umgesetzt werden.
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