«Jugendliche konsumieren weniger – doch eine drogenaffine Minderheit probiert mehr»: Sind Benzos und Oxys das grosse Ding?

Wie beeinflussen Social Media und digitale Räume das Konsumverhalten Jugendlicher? Während der Gesamtkonsum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen bei Jugendlichen sinkt, experimentiert eine drogenaffine Minderheit – getrieben von Trends, Musik und den Möglichkeiten des Internets – mit einer breiteren Palette an Substanzen. Warum klassische Prävention oft ins Leere läuft und welche Rolle Social Media dabei spielt, schildert Bernd Werse, Leiter des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt.

Dr Bernd Werse GEO Wissen 22 09 27 NÓI CREW 1
Bernd Werse ist Professor für soziale Arbeit und sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Universität Frankfurt. Er leitet das Institut für Suchtforschung (ISFF). Bild: NÓI Crew.

Walter Rohrbach: Herr Werse, Ihr Team hat in den letzten Jahren intensiv zu Substanzkonsum bei Jugendlichen geforscht. Warum fokussieren Sie in der BOJE-Studie (Benzodiazepin- und Opioidkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen) auf Opioide und Benzodiazepine?

Bernd Werse: Mitte der 2010er Jahre tauchten diese Substanzen immer häufiger im Deutschrap auf – angefangen bei Getränken mit Codein, über Tilidin bis hin zu Benzodiazepinen. Ursprünglich kam das aus den USA. Damals wurden wir oft von der Presse gefragt, ob das jetzt das «grosse Ding» unter Jugendlichen sei. Lange konnten wir sagen: Nein, wir merken davon nichts in unseren Befragungen. Aber mit der Zeit hat sich das verändert. Schliesslich konnten wir das Bundesgesundheitsministerium überzeugen, eine Studie dazu zu machen.

Was haben Sie dabei herausgefunden?

Zumindest in Frankfurt – und meist sieht es in anderen Grossstädten ähnlich aus – ist der Anteil der Jugendlichen mit Konsumerfahrung gegen Ende der 2010er Jahre gestiegen. Vorher lag er bei 18-Jährigen bei maximal 1–2 %, dann bei bis zu 4 %. Das ist immer noch eine Minderheit, aber das Thema war vorher praktisch nicht existent. Die eigentliche Studie umfasste eine Onlinebefragung und qualitative Interviews. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass die Jugendkultur, insbesondere Deutschrap, durchaus Einfluss hatte – vor allem bei sehr jungen Jugendlichen, die durch populäre Songs auf diese Substanzen aufmerksam wurden. Innerhalb von Deutschrap hörenden Freundesgruppen hatte manchmal jemand Zugang zu Tilidin, der dann auch seine Freunde mitversorgte.

Aber: Wenn wirklich regelmässiger Konsum oder Probleme entstehen, liegen meist psychische Probleme zugrunde – Komorbiditäten. Das zeigte sich zum Beispiel in einer Freundesgruppe, die ich interviewt habe: Eine Person hatte eine Depressionserkrankung und entwickelte ein Problem mit Tilidin, während die anderen nach ersten Erfahrungen wieder Abstand nahmen.

In der Studie sprechen sie von «drogenaffinen Jugendlichen» - ein kleiner Teil der Jugendlichen, der konsumiert. Können Sie mehr zu dieser Gruppe erzählen?

Besonders in der Online-Stichprobe hatten diejenigen, die Erfahrungen mit Benzodiazepinen oder Opioiden angaben, meist auch Erfahrungen mit anderen illegalen Drogen – nicht nur Cannabis, sondern auch Kokain, Amphetamin und MDMA. Viele waren vorher schon in der Techno- oder Partyszene unterwegs und dadurch offener, Neues auszuprobieren. Benzodiazepine werden in Clubs auch zum «runterkommen» nach langen Nächten genutzt. Das wurde uns sehr anschaulich beschrieben: Nach zwei, drei Tagen Feiern nimmt man etwas, um wieder schlafen zu können.

Ich vermute, dass Social Media den Zugang zu Substanzen erleichtert hat und auch das Wissen über deren Vielfalt und Wirkung gestiegen ist. Früher gab es weniger Substanzen, heute sind Zugang und Auswahl deutlich grösser. Stimmen Sie dem zu?

Ja, das kann ich bestätigen. Seit den frühen 90er Jahren gab es einen Wandel: Zuvor hiess es in manchen Kreisen, Kiffen ist okay, alles andere nicht. Mit der Techno-Bewegung wurde es akzeptabler, andere Substanzen auszuprobieren. Weitere Schübe gab es Ende der 2000er, als bestimmte Gruppen begannen, sogenannte neue psychoaktive Substanzen (NPS) zu konsumieren. Dazu zählen synthetische Cannabinoide oder Mephedron. Mit dem Onlinehandel – bspw. Darknet-Shops – wurde die Palette an Drogen noch grösser. Diesen nutzt zwar nur ein kleiner Teil der Konsumierenden, aber gerade bei Drogenaffinen bot sich hier eine zusätzliche Option zur Beschaffung. Insgesamt hat sich die Vielfalt durch digitale Medien verbreitert, aber es wird nicht unbedingt mehr konsumiert. Im Gegenteil, der Konsum ist unter Jugendlichen in den letzten Jahren eher zurückgegangen.

Und welche Rolle spielen Benzodiazepine und Opioide bei Jugendlichen?

Interessant ist, dass diese verschreibungspflichtigen Medikamente früher vor allem bei älteren Menschen eine Rolle gespielt haben, vor allem bei gesundheitlichen Problemen. Es gibt Schätzungen, dass in Deutschland mehrere Millionen Menschen abhängig von Benzodiazepinen oder auch von medizinischen Opioiden sein könnten. Was früher als «Droge der älteren Generation» galt, ist inzwischen auch bei einem Teil der Jugendlichen angekommen und in gewisser Weise akzeptabel geworden. Viele der Jugendlichen, die wir in der Studie befragt haben, haben angegeben, die Medikamente aus dem Arzneischrank der Eltern oder auch der Grosseltern genommen zu haben. Die Verfügbarkeit – und teilweise auch die recht lockere Verschreibungspraxis – trägt also durchaus zu diesem Trend bei.

In den letzten Jahren ist der digitale Raum ein wichtiger Ort in der Lebenswelt Jugendlicher geworden – wo es Gesundheitsbotschaften schwer haben. Philip Brugmann vom Zentrum Suchtmedizin Zürich (Arud) meinte in einem Interview, man dürfe die Aufklärung über illegale Substanzen nicht Social Media überlassen. Wie sehen Sie das?

Es gibt verschiedene Entwicklungen. Kürzlich hat mich eine ZDF-Journalistin zum Trend #pingtok auf TikTok interviewt, wo sich Jugendliche unter Einfluss von MDMA filmen. Es gibt sicher Bubbles, die dafür anfällig sind, aber die Mehrheit der Jugendlichen interessiert das gar nicht. Allgemein beobachten wir in Frankfurt und bundesweit, dass Jugendliche immer weniger konsumieren – nicht nur illegale, sondern auch legale Drogen: 2016 hatten noch 45 % der 15- bis 18-Jährigen Cannabis ausprobiert, 2024 waren es nur noch 22 %. Auch beim Alkohol und Rauchen gehen die Zahlen zurück. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass die meisten Jugendlichen heute weniger konsumieren. Das habe ich auch in meinem eigenen Umfeld beobachtet – erstaunlich viele Jugendliche und junge Erwachsene verzichten komplett auf Alkohol. Das wäre zu meiner Jugendzeit undenkbar gewesen.

Was hat sich seit damals geändert?

Es scheint, als habe sich das soziale Umfeld verändert. Früher war es üblich, dass jemand sagte: «Komm, trink doch einen mit!» – heute spielt das in solchen Gruppen kaum noch eine Rolle. Möglicherweise hängt das tatsächlich mit Social Media zusammen. Ein Kollege von mir hat kürzlich die These aufgestellt, dass durch die geringere direkte Kommunikation unter Jugendlichen und die stärkere Nutzung digitaler Medien auch der gemeinsame Konsum zurückgeht: Durch Plattformen wie WhatsApp, Instagram und andere soziale Medien gibt es heute einfach weniger Gelegenheiten, gemeinsam etwas zu konsumieren. Das klingt vielleicht etwas simpel, aber ich denke, dieser Aspekt spielt durchaus eine Rolle. 

Ausserdem sind Gesundheit und Fitness wichtiger geworden. Präventionsbotschaften wirken vielleicht nicht direkt, aber das Bewusstsein, dass früher Konsum schädlich ist, scheint sich stärker durchzusetzen. 

Dieses «Gesundheitsbewusstsein» setzt sich aber nicht bei allen durch?

Es gibt eine Gruppe, die weiterhin offen für neue Substanzen ist – dort sieht man auch Mischkonsum mit vielen verschiedenen Stoffen. Das liegt wie gesagt auch daran, dass das Angebot an Substanzen heute breiter ist als früher. Die Bereitschaft, verschiedene Dinge zu testen, hat dadurch zugenommen. Das sieht man zum Beispiel auch an den Zahlen zu den Drogentoten: Gerade dort, wo ohnehin schon ein riskanter Umgang mit Drogen betrieben wird, ist Mischkonsum – also der gleichzeitige Konsum von mehreren Substanzen, manchmal sogar fünf, sechs oder sieben verschiedenen – deutlich häufiger geworden. In diesen Kreisen hat sich der Konsum also noch einmal intensiviert und diversifiziert.

Ist die Zahl der jungen Drogentoten in Deutschland gestiegen?

Ja, 2023 gab es einen Höhepunkt. Seitdem ist die Zahl wieder etwas gesunken. Der grösste Teil der Drogentoten ist aber nicht mehr sehr jung. Der Anstieg bei jungen Menschen ist im Verhältnis zwar gross, aber die absoluten Zahlen sind gering. In Frankfurt ist das Durchschnittsalter der Szene gestiegen, aber es gibt eine leichte Tendenz, dass wieder mehr junge Leute dazukommen. Die Strassensozialarbeit kümmert sich besonders um diese Gruppe und hat damit auch Erfolge.

Wie effektiv ist Prävention über Social Media?

Prävention über Social Media ist schwierig, weil offizielle Präventionsmaterialien von Jugendlichen kaum genutzt werden. Wenn etwa das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit versuchen würde, Jugendliche über Social Media zu erreichen, würde das kaum funktionieren, weil die Inhalte nicht der Logik der Plattformen entsprechen und kaum verbreitet werden. Authentische Geschichten, wie die «Haftbefehl-Doku», erreichen mehr Jugendliche als klassische Präventionsarbeit. Aber ob das wirklich positive Effekte hat, ist fraglich – die meisten Jugendlichen können sich mit so einer extremen Geschichte kaum identifizieren, weil sie selbst ganz andere Lebensumstände haben. Trotzdem kann so eine Doku vielleicht eine gewisse Warnung sein – gerade angesichts der Tatsache, dass Kokain in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland, sondern generell einen starken Aufwärtstrend erlebt hat. Das hängt sicher auch mit der gestiegenen Qualität und den gesunkenen Preisen zusammen. Solche Beispiele können Jugendliche durchaus abschrecken, aber wie man sie wirklich erreicht, bleibt offen. 

Auch gab es in den letzten Jahren einige Deutschrapper (bspw. Capital Bra), die bestimmte Drogen verherrlicht haben und sich später wieder davon distanziert haben – manche haben sogar ihre Fans gewarnt. Ich frage mich dann immer, ob solche Warnungen genauso ernst genommen werden wie die früheren Videos, in denen der Konsum gefeiert wurde. 

Wie könnte man Jugendliche sonst erreichen?

Leider habe ich keine wirklich gute Idee, wie man Jugendliche besser erreichen und sie vom Konsum abhalten kann. Was in der BOJE-Studie auffällig war: Gerade Jugendliche, die sehr früh mit Substanzen wie Tilidin in Kontakt kamen, hatten oft keinerlei Ahnung von den Risiken. Das ist verständlich – mit 15 hat man noch kein profundes Wissen über die verschiedenen Substanzen. Viele sind deshalb sehr sorglos damit umgegangen, haben Alkohol und Tilidin oder Benzodiazepine kombiniert und später selbst gesagt: «Ich war einfach dumm, ich hätte mich vorher informieren müssen. Im schlimmsten Fall kann man daran sterben.» Wenn überhaupt, wäre es sinnvoll, mit gezielter und selektiver Prävention auf besonders gefährdete Gruppen einzugehen. 

Über den Autor

Redaktion von prevention.ch

Andere

Die Seite prevention.ch wird von einem Redaktionsteam betreut. Dieses Redaktionsteam sichert die Qualität der Seite, recherchiert, setzt Themen in den Fokus und erstellt Beiträge und Sammlungen. Während andere Organisationen auf prevention.ch nur ihre eigenen Inhalte publizieren dürfen, verweisen die Redaktionsmitglieder auch auf Arbeiten von anderen, z.B. auf Studien aus dem Ausland.

Zur Organisation

Neue Aktivitäten fehlen?

Arbeiten Sie in einer Behörde / NPO / sonstigen Organisation im Bereich der Prävention, dann haben Sie hier die Möglichkeit ...

  • Artikel schreiben
  • Bilder herunterladen
  • Adressverzeichnis nutzen

Sie besitzen bereits ein Konto? Jetzt einloggen

Nach oben scrollen