Sexueller Kindesmissbrauch im Sport - ein oft übersehenes Problem
Sportvereine gelten als wichtige Orte für Entwicklung, Gemeinschaft und Vertrauen. Gleichzeitig können genau diese Strukturen dazu beitragen, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder lange unentdeckt bleibt. Das können Betroffene und Beobachtende tun.
Sexueller Kindesmissbrauch ist ein gesellschaftsübergreifendes Problem, das in allen Kontexten vorkommt. Gleichzeitig weisen einzelne Bereiche, wie beispielsweise im Sport, spezifische Bedingungen auf, welche sexuelle Übergriffe an Kindern und Jugendlichen begünstigen können.
Wie häufig ist sexuelle Gewalt gegen Kinder im Sport?
Studien sind sich diesbezüglich nicht einig. Zum einen ist dies darauf zurückzuführen, dass verschiedene Studien unterschiedliche Sportarten, Personengruppen oder Missbrauchsformen (z.B. nur sogenannte Hands-on-Delikte) untersuchen. Eine weitere Ursache für die unterschiedlichen Häufigkeitsangaben könnten die Dunkelziffern sein, denn ähnlich wie in der Allgemeinbevölkerung verhindern mangelnde Aufklärung, unzureichende Sensibilisierung sowie Hindernisse bei der Offenlegung eine akkurate Darstellung der Häufigkeiten¹. Aktuelle Studien gehen ohne Berücksichtigung der Delikte im Dunkelfeld von einer Häufigkeit von 3,8 % bis 49 % von sexuellem Kindesmissbrauch im Sport aus².
Wichtig zu erwähnen ist, dass es sich bei sexuellem Kindesmissbrauch im Sport um die am wenigsten verbreitete Missbrauchsform handelt. Viel häufiger sind psychische oder auch physische Gewalt mit Zahlen von bis zu 75 % ³.
Was begünstigt sexuellen Kindesmissbrauch im Sport?
Wenn man sich mit sexueller Gewalt gegen Kinder im Sport befasst, wird deutlich, dass spezifische Umstände des sportlichen Umfelds das Risiko für sexuelle Übergriffe erhöhen können. Diese Faktoren können sexuellen Kindesmissbrauch begünstigen, indem sie die Verletzlichkeit der Kinder erhöhen und die Entdeckungsmöglichkeiten minimieren ⁴.
Dazu gehören insbesondere:
- Trainer:innen-Athlet:innen-Hierarchie: Viele Sportarten sind dadurch gekennzeichnet, dass ein starkes Machtgefälle zwischen den Trainer:innen und den Kindern oder Jugendlichen besteht. Insbesondere im Leistungssport verstärkt sich diese Abhängigkeit, da die Trainer:innen oft grossen Einfluss auf den weiteren Erfolg der Athlet:innen haben. Die Auswirkungen dieser Machtstrukturen können sich zusätzlich verschärfen, da diese von unterschiedlichen Akteur:innen innerhalb des Sports von einzelnen Trainer:innen bis hin zu Verbandsdirektor:innen akzeptiert und «gedeckt» werden ⁵.
- Grooming: Im Vorfeld vieler sexueller Übergriffe an Kindern und Jugendlichen kommt es zu einer stufenweisen Entwicklung der Beziehung zwischen Opfer und Täter. Dazu gehören der Vertrauensaufbau und die Herstellung von emotionaler Abhängigkeit und Loyalität. Dies geschieht meist durch besondere Aufmerksamkeit, Geschenke sowie die Vergabe von Privilegien⁶.
- Isolation vom sozialen Umfeld: Diverse Disziplinen im Sport sind mit einem grossen Trainingsumfang verbunden, sei es durch mehrere Trainingssequenzen unter der Woche oder auch bei Wettkämpfen und Trainingslagern. Viele Sportler:innen verbringen grosse Teile ihrer Freizeit in einem sportlichen Kontext und insbesondere im Leistungssport bleibt nur wenig Raum für andere Aktivitäten und Kontakte. Dazu kommt, dass die Eltern in den meisten Fällen nur bei ausgewählten Veranstaltungen anwesend sind, was im Umkehrschluss die Verbindung und Abhängigkeit zu Trainer:innen verstärken kann⁷.
- Kultur des Schweigens und Normalisierung:
- Normalisierung von Gewalt: Grenzverletzendes Verhalten wird im Sport oft unter dem Deckmantel von «No Pain, No Gain» oder als notwendiger Teil des harten Trainings normalisiert⁸.
- Angst vor Konsequenzen: Betroffene schweigen oft aus Angst, ihren Platz im Team zu verlieren, die Karriere zu ruinieren oder das Ansehen des Trainers und des Vereins zu schädigen ⁹.
- Bystander-Effekt: Beobachter:innen oder Mitwissende bleiben oft untätig, um nicht «unnötig» Unruhe zu stiften oder weil klare Meldeverfahren und Sensibilisierung fehlen ¹⁰.
Wichtig zu erwähnen ist, dass diese Faktoren nicht ausschliesslich im Sport vorzufinden sind und auch in anderen Bereichen, wie etwa im familiären Umfeld, in Ausbildungskontexten oder in religiösen Institutionen eine zentrale Rolle spielen können ¹¹.
Was kann ich tun, wenn ich betroffen bin oder etwas beobachte?
Im sportlichen Kontext gelten grundsätzlich dieselben Handlungsempfehlungen wie bei anderen Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch. Für alle Personen, welche in irgendeiner Form Kenntnis von sexuell übergriffigem Verhalten gegenüber Kindern und Jugendlichen erhalten, besteht die Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen. Spezifisch für den Bereich des Sports können sich Personen direkt bei Swiss Sport Integrity (SSI) melden. Die SSI ist eine Stiftung, welche die Bekämpfung von jeglichen Missständen im sportlichen Umfeld in der Schweiz zum Ziel hat. Eine Meldung kann sowohl schriftlich als auch telefonisch (+41 31 550 21 31) erfolgen und die Meldung kann auf Wunsch anonymisiert eingereicht werden.
Bei Fällen, in denen der sexuelle Kindesmissbrauch online stattfindet, kann zudem Auskunft und Beratung bei Clickandstop von Kinderschutz Schweiz eingeholt werden. Dabei handelt es sich um eine nationale Meldestelle für pädokriminelle Inhalte, welche zur Prävention und Eindämmung von Darstellungen von sexuellem Kindesmissbrauch beiträgt. Meldungen können per Formular, Chat oder Telefon gemacht werden, wobei auch hier eine anonyme Kontaktaufnahme möglich ist.
Selbstverständlich steht auch der Weg über Beforemore offen, sei es per Chat, Mail, Telefon oder vor Ort. Dieser Weg ist niederschwellig, vertraulich und anonym. Beforemore ist eine niederschwellige Beratungsstelle für alle Personen, welche mit sexuellem Kindesmissbrauch oder Pädophilie in Berührung kommen und eine unverbindliche Beratung wünschen. Bei Beforemore können sich Betroffene, Personen aus dem Umfeld, aber auch Menschen, mit pädosexuellen Neigungen melden, wobei das Ziel jeder Beratung ist, sexuelle Übergriffe an Minderjährigen zu verhindern.
Swiss Olympic ist auch darüber hinaus bemüht, aktiv gegen sexuellen Kindesmissbrauch im Sport vorzugehen. In der Schweiz hält die Ethik-Charta explizit fest, dass sexuelle Übergriffe nicht geduldet werden und Sensibilisierung sowie das Eingreifen in konkreten Fällen zentral ist. Die Umsetzung dieses Punktes wird anhand verschiedener Massnahmen, wie etwa dem Ethik-Check für Organisationen im Sport gewährleistet. Besonders hilfreich ist auch der Ethik-Kompass, der die Inhalte der Ethik-Charta anhand realistisch gestalteter Beispiele veranschaulicht und entsprechende Handlungsoptionen vorschlägt.
Für mehr Informationen zu Beratung, Sensibilisierung und Vernetzung steht Beforemore - Beratungsstelle bei Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch zur Verfügung.
Quellen:
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3 Claussen, M. C. (2021). Violence and abuse in competitive Sports. Swiss Medical Weekly.
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7 Barker-Ruchti, N., & Varea, V. (2024). Surviving child sexual abuse in women’s artistic gymnastics: ‘It’s beautiful, because had I stayed in the past, I wouldn’t have evolved as a person’. International Review for the Sociology of Sport, 59(5), 660–678.
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