Landschaftsplanung beeinflusst, wie wir uns im Alltag erholen können

Erholung ist nicht für alle gleich. Während die einen Ruhe oder ein Naturerlebnis suchen, brauchen andere Bewegung oder Begegnung. Christian Kaindl erklärt, wie Landschaftsplanung solche unterschiedlichen Bedürfnisse berücksichtigen kann – und warum es für mehr Lebensqualität in Quartieren nicht nur Grün, sondern vor allem gut zugängliche und passende Freiräume braucht.

Landschaft Christian Kaindl Portrait
Prof. Christian Kaindl forscht und lehrt an der Ostschweizer Fachhochschule.

Herr Kaindl, was verstehen Sie unter “Erholung”? 

Christian Kaindl: Erholung ist der Gegenspieler von Stress und Beanspruchung – ein Prozess, in dem wir uns körperlich und mental regenerieren.Und dieser Prozess ist für jeden Menschen anders. 
 

Erholung ist individuell?

Ja, die Erholung muss immer der Ausgleich zu der spezifischen Beanspruchung sein. Ich zum Beispiel benötige neben ausreichend Schlaf aktive Erholung im Freien, da ich bei der Arbeit viel sitze und diesen aktiven Ausgleich brauche. Andere Menschen sitzen lieber auf einer Bank im Schatten – z.B. weil sie nach Überforderung eher Ruhe und Rückzug benötigen. Andere wiederum sind vielleicht unterfordert oder einsam, sie brauchen eher sozialen Austausch zur Erholung, mehr Anregung und Begegnung. Kinder erholen sich oft mit Spielen von Stresssituationen, andere suchen Stille. Es ist also sehr unterschiedlich.
 

Ist das Bedürfnis nach Naherholung in den vergangenen Jahren gestiegen? 

Auf jeden Fall. Die steigende Dichte macht sich bei den Menschen bemerkbar. Immer mehr Menschen teilen sich immer weniger private Aussenräume wie Gärten, Terrassen und Balkone. In der Konsequenz gibt es weniger Rückzugsmöglichkeiten. Die Nachfrage verlagert sich so in öffentliche Freiräume. Daneben wächst die Belastung im Alltag, alles wird wesentlich schneller. Auch die Nutzung von digitalen Medien trägt dazu bei. Unser Alltag ist geistig überfordernd und körperlich unterfordernd. Der Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz zeigt, dass ein Drittel der Erwerbstätigen emotional erschöpft ist.
 

Sind Städte beim Thema Erholung besonders gefordert?

Studien und Meta-Analysen zeigen einen Zusammenhang zwischen städtischem Wohnen und einem höheren Risiko für Depressionen und Angststörungen. Experimentelle Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass Stadtleben die Verarbeitung von sozialem Stress im Gehirn verändert. Insgesamt gibt es damit Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Urbanität, Stress und psychischer Gesundheit. 
 

Und Landschaften schaffen einen Gegenpol? 

Landschaften bieten mehrere Arten von Erholung: Ruhe für den überreizten Kopf, Aktivität für den unterforderten Körper. Landschaft ist der grösste und zugleich günstigste Erholungsraum. Die Wirkung der Landschaft auf die Sterblichkeit ist messbar. Eine Schweizer Studie mit über vier Millionen Erwachsenen zeigt: Mehr Grün im Wohnumfeld geht mit etwa 6 % geringerer Sterblichkeit einher – auch unabhängig von Faktoren wie Lärm, Luftqualität und Einkommen. 
 

Grünräume gelten als Präventionsfaktor für nichtübertragbare Krankheiten...

Genau. Mögliche Wirkmechanismen sind mehr Bewegung, Stressreduktion und soziale Kontakte. Und Grünräume stärken die psychische Gesundheit. Allerdings müssen wir auch bedenken: Menschen in einkommensstarken Haushalten wohnen häufiger im Grünen und sind aus vielen anderen Gründen auch gesünder. Entscheidend sind deshalb Qualität, Zugänglichkeit und tatsächliche Nutzung von Grünräumen.
 

Nicht alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten: Wie kann ein gerechter Zugang zu Erholungsräumen in der Nähe gewährleistet werden?

Tatsächlich ist Erholung eine Frage der Chancengerechtigkeit. Und oft haben diejenigen am wenigsten grüne Freiräume, die es gesundheitlich vielleicht am nötigsten hätten. Ein Beispiel:Die grösste Hitzebelastung weisen eher wenig durchgrünte und dicht bebaute Quartiere auf. Dort leben überdurchschnittlich viele gesundheitlich eher verletzliche Menschen.
 

Würden mehr Grünräume in sozial benachteiligten Quartieren Abhilfe schaffen?

Das Vorhandensein von Grünflächen reicht nicht – es geht auch um die Lebensverhältnisse der Menschen, die da leben. Einigen Menschen fehlt neben Schichtarbeit, Betreuungspflichten und finanziellen Sorgen vielleicht schlicht die Zeit, die Grünflächen zu nutzen. Eine Basler Studie mit 944 Personen zeigt, dass mehr Grün im Wohnumfeld nicht für alle mit höherer Lebenszufriedenheit verbunden ist. Besonders finanziell belastete Menschen und junge Erwachsene profitieren nicht unbedingt davon. 
 

Warum nicht?

Entscheidend sind nicht nur Qualität, Sicherheit und Zugänglichkeit, sondern auch die Zeit und Möglichkeit zur Nutzung. Grünräume sollten deshalb zu unterschiedlichen Lebenslagen und Lebensphasen passen: Junge Menschen brauchen etwa eher offene, aneigenbare Begegnungsorte, während für Berufstätige gut gestaltete Wege bereits Erholung im Alltag ermöglichen können. Es braucht also vielfältige und niederschwellige Angebote statt einer Einheitslösung.
 

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie wertvoll Grünflächen in Wohnnähe sind...

Das Bedürfnis nach Naherholung wächst nicht nur quantitativ, sondern auch unter gesundheitlichen Aspekten. Spätestens seit der Covid-Pandemie und angesichts zunehmender Hitze wird die Bedeutung wohnungsnaher Freiräume deutlich. An heissen Tagen verkleinert sich der Aktionsradius besonders für vulnerable Menschen. Deshalb sind kühlende, klimawirksame Freiräume in unmittelbarer Wohnnähe besonders wichtig. Baumschatten und begrünte Elemente kühlen viel besser als vergleichbarer künstlicher Schatten, da sie Wasser verdunsten. In diesen Extremsituationen sind Naherholungsmöglichkeiten besonders relevant – umso mehr müssen wir sie sichern.
 

Wie wirkt Landschaftsplanung auf die Erholung der Menschen? 

Landschaftsarchitektur beeinflusst, ob Erholung im Alltag ankommt. Es geht um Verhältnisprävention: Dabei werden die Verhältnisse verändert, unter welchen menschliches Verhalten entsteht. Das funktioniert allerdings nur interdisziplinär. Beispielsweise ist die Zusammenarbeit mit der Raumplanung sehr relevant, weil sie schon die Nutzungen konkret festlegt. Wesentlich sind auch Landschaftsarchitektur oder Ökologie. Die Planung selbst wirkt eben auf zwei Ebenen:

  • Ein gutes Freiraumnetz muss erreichbar, ökologisch vernetzt und klimatisch wirksam sein.
  • Die einzelnen Orte müssen qualitativ hochstehend gestaltet sein: Sie sollen mit Ruhe, Rückzug, Naturerlebnis und Begegnung die Erholung fördern. Die Forschung zeigt, dass nicht die Fläche allein wirkt, sondern vor allem die erlebte Qualität – und die ist mittels guter Gestaltung gezielt realisierbar.
     

Und wie kann man diese Qualität konkret erreichen?

Eine Studie von Patrik Grahn und Ulrika Stigsdotter hat acht für die Erholung relevante Faktoren identifiziert - acht gestalterische Prinzipien:

  • Ruhe: die menschliche Wahrnehmung spricht auf Ruhe an, in welcher man natürliche Geräusche wie Vogelgezwitscher oder Wind besser hört – frei von stressenden Lärmfaktoren und Störungen.
  • Naturerlebnis: das Wahrnehmen von naturnahmen Elementen 
  • Rückzugsmöglichkeiten: Eine geschützte, vielleicht auch mit abgelegeneren Bereichen gestaltete Umgebung fördert Entspannung und persönliche Entfaltung.
  • Die Artenvielfalt. Hier geht es nicht per se um Biodiversität, sondern um die beobachtbare Pflanzen- und Tiervielfalt.
  • Die Raumwirksamkeit: wie sind die Räume gestaltet, z.B. die Proportionen von Baumkronen? Hier spielt eine psychologische Komponente mit – das Gefühl, in eine andere Welt abzutauchen.
  • Die Weite, die offene Aussicht, wie beispielsweise in Savannen. Man nimmt an, dass der Mensch in der Savanne wegen der freien Aussicht weniger Angst vor wilden Tieren oder Überfällen entwickelt hat und dies unsere Gehirne geprägt hat, so dass wir den weiten Blick heute noch suchen. 
  • Begegnung: Es braucht Bereiche, in denen man sich treffen kann.
  • Kultur: Historische Orte, wo man menschliche Spuren und die Faszinationen für den Verlauf der Geschichte wahrnehmen kann.
     

Hat das Landschaftskonzept Schweiz einen Einfluss auf das Wohlbefinden und die Erholung von Menschen? 

Einen starken – denn es verankert Erholung und Gesundheit behördenverbindlich in der Landschaftspolitik des Bundes. Wirksam werden strategische Ziele natürlich erst, wenn Kantone und Gemeinden sie in konkrete Programme und Projekte übersetzen. Dafür braucht es das Zusammenspiel verschiedener Akteure und Instrumente. Noch fehlen verbindliche Versorgungs- und Erreichbarkeitsstandards sowie ein nationales Monitoring der Freiraumversorgung. Was es bereits gibt, sind öffentlich zugängliche Informationen zu den Zielen der Freiraumversorgung verschiedener Städte in der Schweiz, sowie eher allgemeine Richtwerte zur erforderlichen Baumkronendeckung im Siedlungsgebiet. 
 

Sie haben die Kantone und Gemeinden erwähnt: Wer trägt denn die Verantwortung dafür, dass genügend attraktive und gut zugängliche Naherholungsräume zur Verfügung stehen? 

Es ist eine Verbundaufgabe. Es gibt aber eine klare Rollenteilung in dem Verbund. Wie Naherholung gestaltet wird, entscheidet sich im Alltag in den Gemeinden und in der Region.

Mit dem Landschaftskonzept Schweiz gibt der Bund den Rahmen vor. In den Kantonen legt die Richtplanung die Erholungsgebiete überkommunal fest. Es wird auch darüber gesprochen, wie Waldgebiete zugänglich und nutzbar sind, denn sie sind wichtige Erholungsräume. Gleichzeitig spielen private Flächen am Waldrand und im Kulturland eine wichtige Rolle, da sie einen grossen Teil der Erholungsnutzung ermöglichen und dafür entsprechend zugänglich gemacht werden. 
 

Die Verantwortung tragen also alle?

Alle, die planen, bauen, entwickeln – bis hin zu den Nachbarinnen und Nachbarn, die Projekte nicht blockieren. Das Thema muss auf allen Ebenen angegangen werden – auch von Immobilienentwicklern. Zwar ermöglicht der angespannte Wohnungsmarkt teilweise noch Projekte mit mangelhafter Freiraumqualität, gleichzeitig wächst aber das Bewusstsein für Begrünung, Hitzeschutz und gute Aufenthaltsqualität. Entscheidend ist das Zusammenspiel aller Beteiligten: Regeln allein reichen nicht – für mehr Bewegung und psychische Gesundheit braucht es Verbesserungen im Sinne der Allgemeinheit.
 

Einige sprechen von einem «Erholungsdruck» auf die Landschaft. Was verstehen Sie darunter und wie lässt sich damit umgehen?  

Für mich gibt es zwei Bedeutungen:

  • Zum einen der Druck auf die Landschaft: Immer mehr Menschen müssen sich auf begrenzten Flächen erholen. Das sorgt für Druck. Man merkt es an übernutzten Ausflugszielen, diesen Sommer zum Beispiel an den Seen. Soziale Medien, welche Ausflugsziele bewerben, können diesen Druck zusätzlich verstärken. So gibt es Störungen von Wildtieren, Trittschäden und Konflikte mit Land- und Forstwirtschaft.  Hier muss man steuern und Naherholung im Quartier schaffen.
  • Zum anderen beobachte ich einen Erholungsdruck auf den Menschen: Man hat das Gefühl, sich in der freien Zeit optimal erholen zu müssen. Deswegen ist die gute Gestaltung so relevant: Ein guter Erholungsraum nimmt einem diese Selbstoptimierung ab. Man muss gar nichts leisten, nur in den Raum kommen und sich gut zu fühlen.
     

Erholungsnutzung tangiert oft fremdes Eigentum. Welche Interessen gibt es bei der Erholungsplanung und wie lassen sie sich berücksichtigen? 

Eine grosse Errungenschaft in der Schweiz ist das freie Betretungsrecht für Wald und Weide. 

Es ermöglicht Erholung und Naturerlebnis, braucht aber klare Regeln, gegenseitige Rücksicht und gute Planung. Dazu gehören auch Schutzgebiete und Einschränkungen, um die Natur und ihre Bewohner zu schützen. Gleichzeitig können Informationstafeln das Naturverständnis fördern. Für Waldeigentümer gilt zudem: Sie haften grundsätzlich nicht für waldtypische Gefahren – auch hier braucht es ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Es braucht Verständnis für unterschiedliche Nutzungsinteressen wie Sport, Fuss- und Veloverkehr. Bei der Planung, zum Beispiel von einem Bike-Trail, sollten Eigentümer früh einbezogen und bei Einschränkungen oder neuen Nutzungen faire Abgeltungen und Vereinbarungen berücksichtigt werden. Entscheidend sind gute Planung, klare Regeln und Dialog.
 

Gibt es erfolgreiche Beispiele der Naherholungs-Planung? 

In der Schweiz gibt es unzählige sehr erfolgreiche Beispiele. Eines ist der Sihlwald in Zürich, ein wilder, relativ grosser Naturerlebnispark – 12 Quadratkilometer – mit etwa 600’000 Besuchenden pro Jahr. Die Zonen sind gut gestaltet, alles ist sehr intuitiv und frei zugänglich. Rund 70 Kilometer Wanderwege sowie ein Rangerdienst sorgen für eine gute Besucherlenkung. So lassen sich vermeintliche Zielkonflikte erfolgreich lösen.

Auch auf Quartierebene gibt es zahllose Beispiele. Eines ist der Koch-Park in Zürich. Dieser ist in Zusammenarbeit mit den künftigen Nutzerinnen und Nutzern entstanden. Gemeinsam mit ihnen hat man nutzungsoffen über mögliche Funktionen nachgedacht.

Für Menschen, die wenig Zeit für Erholung haben, sind lineare Verbindungen wichtig. Und da gibt es ein gutes Beispiel mit der Durchwegung des Lysbüchel-Areals in Basel. Da hat man gezeigt, wie Naherholung in dichten Quartieren in ganz normalen, linearen Strassenverbindungen funktioniert.

Ein weiteres, tolles Beispiel: Die unzähligen Vita-Parcours in der ganzen Schweiz. Sie sind niederschwellig, kulturell verankert und an den Wald gekoppelt.
 

Was sind die Erfolgsfaktoren, damit solche Beispiele gelingen? 

Aus meiner Sicht sind fünf Kriterien relevant:

  • Nähe und Erreichbarkeit
  • die individuelle Qualität der Freiräume im Kontext der Nutzenden
  • Teilnahme der Bevölkerung:  Man muss die künftig Nutzenden in die Planung einbeziehen, alle müssen sich angesprochen fühlen.
  • Beteiligung und Pflege: Die Nutzenden entscheiden, wie sie sich dem Erholungsraum gegenüber verhalten und wie viel Sorge sie ihm tragen.
  • Wirkungsmessung: Man muss wissen, was es bringt.
     

Was möchten Sie und Ihre Kollegin Susanne Schellenberger den Teilnehmenden am Forum «Landschaft bewegt die Schweiz» mitgeben?

Es ist nicht mehr die Frage, ob Landschaft für Erholung wirkt, sondern welche Gestaltung für welche Menschen relevant ist. Und ob Landschaft oder Freiräume erreichbar bleiben, gerade an so heissen Tagen. Das können wir planen, gestalten und messen. Das ist unsere wichtigste Message.

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