Familienzentrierte Vernetzung in der Schweiz – Das Pilotprojekt FamilienLotsinnen Baselland

Die Schwangerschaft und die ersten Lebensjahre sind zentral für die gesunde Entwicklung von Kindern. Hier setzt das Modell Familienzentrierte Vernetzung an. Dieses wird im Pilotprojekt "FamilienLotsinnn" in Baselland angewednet: Fachpersonen begleiten Familien, stärken sie im Alltag und vernetzen sie mit bestehenden Angeboten der Frühen Kindheit. Ziel ist es, Unterstützungsbedarfe früh zu erkennen und die Zusammenarbeit im Frühbereich zu verbessern.

Die Schwangerschaft und die ersten Lebensjahre sind prägend für eine gesunde Entwicklung von Kindern. Sind Eltern in belastenden Lebenslagen, zum Beispiel bei Zwillingsgeburten, finanziellen Schwierigkeiten, sozialer Isolation, sprachlichen Barrieren oder psychischen Belastungen, kann dies bereits im frühkindlichen Alter eine gesunde Entwicklung beeinträchtigen. Gleichzeitig hat die Förderung in der Frühen Kindheit einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität, die sozioökonomische Situation und die Gesundheit bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Deshalb profitieren alle Familienmitglieder bei Familienzuwachs besonders von frühzeitiger, passgenauer Unterstützung. Familienzentrierte Vernetzung setzt hier an, damit jedes Kind – unabhängig von sozialem oder kulturellem Hintergrund – einen guten Start ins Leben haben kann.

Das Pilotprojekt FamilienLotsinnen in Baselland setzt das Modell Familienzentrierte Vernetzung in Liestal praktisch um: Die kostenlosen FamilienLotsinnen entlasten Familien, hören in schwierigen Situationen zu und organisieren passende Unterstützung mit bestehenden Angeboten der Frühen Kindheit. Im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) wird die Projektumsetzung und Wirkung im Rahmen einer Begleitstudie durch INFRAS evaluiert. Die wichtigsten Erkenntnisse zum Aufbau eines solchen Angebots sollen damit für andere Regionen aufgearbeitet und zugänglich werden. 

Dem Pilotprojekt FamilienLotsinnen ging bereits eine vom BAG finanzierte Vorstudie «Familienzentrierte Vernetzung in der Schweiz» der Hochschule Luzern voraus. Daran war auch der Kanton Uri mit dem Netzwerk Frühe Kindheit Uri beteiligt. Die Ergebnisse dieser ersten Studie zu interprofessionellen Netzwerken im Schweizer Frühbereich unterstreicht die Relevanz des Ansatzes: Familienzentrierte Vernetzung wird in Übersichtsarbeiten und Strategiepapieren mit hohem Potenzial für Gesundheitsförderung, Gesundheitsverbesserung und Chancengleichheit beschrieben. Frühzeitige Unterstützung kann dazu beitragen, Belastungen zu reduzieren, Entwicklungsrisiken früher zu erkennen und späteren, aufwändigeren Schutzmassnahmen vorzubeugen. In den im Rahmen der Studie geführten Interviews beschrieben Fachpersonen wiederholt ein heutiges «Nebeneinander» von Angeboten ohne klare Gesamtkoordination. Eine strukturierte Vernetzung soll setzt hier an. Somit bringt Familienzentrierte Vernetzung nicht nur Vorteile für Kinder und ihre Erziehungsberechtigten, sondern auch für Fachpersonen und die Gesellschaft im Allgemeinen.

Die Familienzentrierte Vernetzung ist eine Aktivität im Rahmen des Massnahmenplans 2025–2028 der nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten NCD. Das Webportal für Fachpersonen zum Thema Familienzentrierte Vernetzung sammelt praxisnahe Informationen und aktuelle Erkenntnisse zur Umsetzung in Kantonen, Städten und Gemeinden. Das Webportal wurde vom Bundesamt für Gesundheit BAG und Alliance Enfance entwickelt.

Das Pilotprojekt FamilienLotsinnen als «sanfte» präventive Intervention

Die FamilienLotsinnen des Pilotprojekts in Liestal, Baselland, begleiten Familien kurzfristig, aufsuchend, niederschwellig und kostenlos. Das Angebot versteht sich ausdrücklich als Brücke zu bestehenden Unterstützungsleistungen mit dem Ziel der Früherkennung von möglichen Gesundheitsrisiken.

Katja Löffler, fachliche Leitung der FamilienLotsinnen, beschreibt ihre Tätigkeit mit einem Bild, das die präventive Logik greifbar macht: Wenn eine Familie ein «grosses Schiff» ist, dann hilft ein Lotsenboot üblicherweise, in einer anspruchsvollen Situation «im sicheren Hafen zu ankern». Dies im Gegensatz zu bestehenden Angeboten wie der sozialpädagogischen Familienbegleitung, die als «Seenotrettung» zum Einsatz kommt, wenn das Schiff «draussen auf dem Ozean schon in einen Sturm gerät».

Aufsuchende Arbeit gelingt nur, wenn Vertrauen entsteht. Die Familienlotsinnen arbeiten im «privatesten Raum» der Familie. Deshalb stehen Beziehungsarbeit und Transparenz im Vordergrund. Katja Löffler sagt: «Familien sind wirklich ganz, ganz sensible Systeme und sehr schützenswert.» Darum wird Datenaustausch nur mit Einverständnis und möglichst transparent gestaltet: «Der Austausch unter Fachstellen geschieht nur in Rücksprache mit den Eltern.» Auch bei formeller Schweigepflichtentbindung wird zusätzlich mündlich rückgefragt. Zum Schutz der familiären Gesundheit gehört auch die Vermeidung von Stigmatisierung als zentraler Bestandteil zur Arbeit. Die Lotsinnen treten bewusst nicht «behördlich» auf. Die Website soll «ansprechend und heimelig» wirken – und das Angebot klar vermitteln: «Wir kommen nicht in Familien, um zu kontrollieren oder zu bewerten, sondern um zu klären, wo Unterstützung gebraucht wird.» Familienlotsinnen begleiten «mit Herz, Verstand und Praxisnähe», stärken «wertschätzend» und suchen Lösungen, «die im echten Alltag funktionieren». Obwohl das Pilotprojekt erst gestartet hat, zeigen erste Rückmeldungen, welches Bedürfnis besteht: Familien mit älteren Kindern schreiben: «Hätten wir damals die Familienlotsinnen gekannt, dann wäre es für uns so viel leichter gewesen.» Oft gehe es nicht um «die ganz grossen Sachen», sondern um Zuhören, Entlastung und Normalisierung: «Es hätte mir schon geholfen, wenn einfach mal jemand zugehört hätte», teilte eine Mutter. 

Diese präventive Positionierung als Schnitt- und Übergangsstelle ist für die familiäre Gesundheitsförderung zentral. Diese Unterstützungsform setzt zwischen universellen Angeboten (z. B. Mütter- und Väterberatung) und indizierten Massnahmen (z. B. Sozialpädagogische Familienbegleitung, Kindesschutz) an. Wo nötig soll auch Klärung und Koordination im Zusammenspiel der verschiedenen Akteure und Akteurinnen geboten werden. Konkret identifizieren die FamilienLotsinnen gemeinsam mit der Familie passende Angebote, bauen erste Hürden oder Hemmungen zu einer Kontaktaufnahme mit einer wichtigen Stelle ab und bei Bedarf begleiten sie auch die ersten Schritte, etwa zu Spielgruppen oder Eltern-Kind-Treffs. Ziel ist, dass Familien möglichst rasch selbständig weitergehen können oder an die richtigen Stellen triagiert werden. Deshalb ist Vernetzung innerhalb der Fachpersonen der Frühen Kindheit auch eine Aufgabe der Familienlotsinnen. Beim Kick-off des Pilotprojekts wurde sichtbar, wie gross der Bedarf an Übersicht und gegenseitigem Wissen ist: «Viele Akteure im Netzwerk kennen sich, aber man ist immer wieder überrascht: ‘Oh, das gibt es jetzt auch noch.’» 

Familienzentrierte Vernetzung kann präventiv wirken, Chancengleichheit stärken und Übergänge im System verbessern – vorausgesetzt, Rollen sind klar, der Datenschutz praxisnah geregelt und die Vernetzung wird als gemeinsame Aufgabe verstanden. Oder, in den Worten der Familienlotsinnen: «Wir schaffen Verbindung, keine Parallelstrukturen.»

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