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Fachtagung «Soziale Arbeit und Sucht» – ein Interview mit den Mitorganisierenden

Die Fachtagung geht der Frage nach, wie Sucht im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Verständnisses wieder verstärkt auch als soziales Problem verstanden und behandelt werden kann. Die Tagung soll ausserdem den Dialog zwischen der Praxis und der Wissenschaft herstellen, wie und ob dies gelingen kann, darüber geben Irene Abderhalden und Marcel Krebs von der FHNW Auskunft. Die beiden haben die Fachtagung mitorganisiert.

Frau Abderhalden und Herr Krebs, was war die Hauptidee für die Organisation der Fachtagung «Soziale Arbeit und Sucht»?
Marcel Krebs: Die Tagung ist ein Teilprojekt eines grösseren Programms mit dem Titel “Stärkung der Sozialen Arbeit in der Suchthilfe und Suchtprävention”. Dahinter steht ein Konsortium mit wichtigen Akteuren aus dem Suchtbereich und der Sozialen Arbeit.* Am Anfang des Programms stand die Idee, dass es für die Soziale Arbeit in der Suchthilfe Good Practice- Empfehlungen braucht. Es zeigte sich aber schnell, dass diese nicht so einfach zu verfassen sind: Wir haben noch kaum ein Bild über die Vielfalt der Aufgaben der Sozialen Arbeit im Suchtbereich. Auch nicht darüber, welche Funktion sie übernimmt. Bevor wir überhaupt Empfehlungen entwickeln können, brauchen wir eine Bestandesaufnahme dessen, was die Soziale Arbeit in den verschiedenen Arbeitsfeldern leistet.

Dazu ist kürzlich die Publikation “Soziale Arbeit und Sucht. Eine Bestandesaufnahme aus der Praxis” erschienen.
Irene Abderhalden: Mit diesem Buch leisteten Roger Mäder, Tanya Mezzera und Marcel Krebs quasi den Startimpuls des ganzen Programmes, indem sie die Publikation gemeinsam mit Praxispartnern aus 14 verschiedenen Arbeitsfeldern erstellten. Das Buch ist unterdessen als Open-Access-Publikation erschienen. Es zeigt einerseits, wie gut die Soziale Arbeit im Suchtbereich verankert ist; andererseits wird ein Entwicklungsbedarf für die Zukunft deutlich.

Die Fachtagung knüpft an dieses Buch an?
Genau. Wir möchten mit der Fachtagung den nächsten Schritt gehen und mit der Praxis in einen Dialog treten. Mit dieser Tagung soll ein partizipativer Prozess mit Vertreterinnen und Vertreter der Praxis, Forschung, Aus- und Weiterbildung gestartet werden. Daraus sollen im Jahr 2023 Empfehlungen für die Soziale Arbeit entstehen und publiziert werden. Im Rahmen des Programms findet vom 15. – 17. Dezember 2022 ebenfalls das neue Fachseminar «Wenn Soziale Arbeit auf Sucht triff» statt, das auf die Tagung aufbaut und die Themen der Tagung weiter vertieft. Weiter wird 2023 ein Lehrbuch für die Soziale Arbeit im Suchtbereich erscheinen.

In den Tagungsunterlagen schreibt Ihr, dass Sucht wieder verstärkt als soziales Problem verstanden und behandelt werden sollte: Das heisst, dass diese Perspektive häufig zu wenig beachtet wird?
Die soziale Problematik ist nicht einfach eine Folge eines Suchtproblems, sondern steht in vielen Fällen am Anfang. Eine soeben im Auftrag des BAG erschienene Literaturübersicht der Universität Fribourg zeigt deutlich, dass psychosoziale Faktoren (Stress, Schlafmangel, soziale Isolation) die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von psychischen wie auch körperlichen Krankheiten stark erhöhen. Dass psychosoziale Faktoren mit sozialer Ungleichheit im Zusammenhang stehen, ist bekannt und vielfach belegt. Einfach gesagt: Je tiefer der soziale Status (bestehend aus Einkommen, Bildungsniveau & Berufsstatus) desto grösser die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens. So sind Menschen mit niedrigerem sozialen Status vermehrt von chronischen Krankheiten und Beschwerden betroffen; sie können ihre eigene Gesundheit und gesundheitsbezogene Lebensqualität schlechter einschätzen (schlechtere Gesundheitskompetenz); sie unterliegen einem erhöhten vorzeitigen Sterberisiko und sie verfügen über geringere Kompetenzen und Ressourcen, um aufgetretene Krankheiten sowie damit einhergehende Belastungen zu bewältigen. Die Bedeutung der sozialen Dimension zeigt auch eine aktuelle Studie von Sucht Schweiz auf: So ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in einer Suchtbehandlung auf Arbeitssuche sind, sechs Mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Und die Wahrscheinlichkeit, in einer instabilen Wohnsituation zu leben, ist 20 Mal höher. Vor allem aber verschlechterte sich die soziale Situation der untersuchten Personen mit einer Suchtproblematik innert zehn Jahren nachweislich. Dies alles zeigt auf, wie zentral die Bedeutung der sozialen Dimension ist.

Wird soziale Dimension generell zu wenig berücksichtigt?
Die Wichtigkeit der sozialen Dimension – wie Armut, Arbeitslosigkeit, Devianz und Desintegration – wird sicherlich an vielen Stellen erkannt und auch berücksichtigt. In der erwähnten Buchpublikation wurde aber deutlich, dass die soziale Dimension oft als Metapher dient, die nur teilweise mit Inhalt gefüllt werden kann. Was es unserer Ansicht nach also braucht, ist ein komplexeres Verständnis der sozialen Dimension.

Wieso fokussiert die Suchtarbeit eher auf biologischen oder psychologischen Faktoren?
Die gegenwärtige Entwicklung hin zur Medikalisierung und Psychiatrisierung der Suchthilfe bzw. der Verkleinerung des sozialarbeiterischen Handlungsspielraums hat unter anderem mit der mangelnden Abrechnung sozialarbeiterischer Leistungen via KVG (Bundesgesetz über die Krankenversicherung) zu tun. Dies trägt dazu bei, dass die Suchthilfe zunehmend enger an medizinische Strukturen angebunden wird und damit die soziale Dimension weiter marginalisiert wird.

Also ist es eine reine Abrechnungsfrage?
Gründe müssen wir auch selbstkritisch bei uns selber, bzw. bei unserer Profession suchen. Tatsache ist, dass es der Sozialen Arbeit bisher nicht genügend gelungen ist, ein hinreichend komplexes Verständnis der sozialen Dimension und darauf aufbauend adäquate Formen der sozialen Diagnostik und Intervention zu entwickeln. Hier zeigt unsere Publikation, dass die Interventionen der Sozialen Arbeit oft nicht auf eine solide Analyse der sozialen Situation aufbauen. Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit im Suchtbereich ist noch zu wenig weit, um sich im Feld als Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterin identifizieren zu können. Hier sind Praxis und Wissenschaft, Aus- und Weiterbildung der Sozialen Arbeit gleichermassen gefordert. Ziel muss hier sein, dass die Soziale Arbeit auf der Grundlage einer Klärung des Professionsprofils, der Stärkung ihres Selbstbewusstseins sowie einer Weiterentwicklung fachlicher Grundlagen und innovativer Handlungsansätze (wieder) massgeblich dazu beiträgt, dass Sucht verstärkt auch als soziales Problem verstanden und behandelt wird.

Ihr möchtet den Dialog zwischen der Wissenschaft und der Praxis herstellen? Heisst das, dass der Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis schwierig ist?
Wie die Wissenschaft der Sozialen Arbeit in der Praxis der Sozialen Arbeit relevant werden kann, wird schon lange diskutiert. Die Vorstellung, dass es dabei um einen Wissenstransfer geht, trägt dabei nur bedingt zur Lösung bei. Natürlich ist ein Wissenstransfer von der Forschung über Aus- und Weiterbildung und Fachpublikationen hin zur Praxis wichtig. Ebenso wichtig ist aber der Transfer von der Praxis zurück in die Forschung und Lehre. Was es auch braucht, sind kooperative Entwicklungsprojekte zwischen Vertreterinnen und Vertretern von Praxis und Wissenschaft mit dem Ziel des gegenseitigen Lernens und Verstehens. Wenn die Wissenschaft eine Praxisrelevanz haben will – und das wäre eigentlich selbstverständlich für jede Handlungswissenschaft – dann muss sie die Kooperation mit der Praxis suchen. Nur auf diese Weise kann Wissen auf konkrete Handlungsprobleme der Praxis bezogen werden und wirksam werden. Bis jetzt ist es noch oft so, dass die Wissenschaft der Sozialen Arbeit zu abstrakt für die konkrete Praxis ist. Aber natürlich braucht es auch den Willen der Praxis, sich auf Wissenschaft einzulassen. Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit sind also beide gefordert, stärker aufeinander zuzugehen.

Ihr habt eingangs erwähnt, dass die Fachtagung helfen soll, Standards für die Soziale Arbeit in der Suchthilfe und Suchtprävention erarbeiten. Was heisst das konkret?
Fachliche Standards bauen im Idealfall auf das aktuelle wissenschaftliche Wissen und auf in der Praxis bewährte Verfahren (Good Practice) auf. Sie bilden also den State of the Art ab. Es ist natürlich eine grosse Herausforderung, Empfehlungen für die Soziale Arbeit in der Suchthilfe und Suchtprävention zu entwickeln, da die Arbeitsfelder und Tätigkeit sehr unterschiedlich sind. Wir haben uns darum entschieden, die Arbeitsfelder verschiedenen Settings zuzuordnen und die Empfehlungen entlang dieser Settings zu entwickeln. Die Empfehlungen sollen (erste) Antworten geben auf die Fragen nach dem spezifischen Beitrag der Sozialen Arbeit in den jeweiligen Arbeitsfeldern. Die Empfehlungen sollen sich aber auch auf die Rahmenbedingungen beziehen, die für ein professionelles Handeln der Sozialen Arbeit im Suchtbereich notwendig sind. Bezüglich der Entwicklung der Empfehlungen stehen wir aber noch am Anfang eines Prozesses, der bewusst offen und in Zusammenarbeit mit der Praxis gestaltet werden soll.

Wieso ist die Interprofessionalität in der Suchthilfe wichtig?
Das bringt uns wieder zum bio-psycho-sozialen Modell von Sucht. Sucht ist das Resultat einer komplexen Interaktion von Psyche, Köper und Sozialem. Dementsprechend kann sie in ihrer Entstehung, Entwicklung und Chronifizierung (Übergang in einen dauerhaften Zustand) nur im Zusammenspiel dieser Dimensionen verstanden, erklärt und bearbeitet werden. Wollen wir Menschen mit chronifizierten Suchterkrankungen und Mehrfachbelastungen und deren Umfeld bestmöglich unterstützen, so sind wir gut beraten, dieses Modell ernst zu nehmen. Dies macht dann auch unmittelbar deutlich, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit von zentraler Wichtigkeit ist. Hilfe geschieht aber oft zu wenig koordiniert, zu wenig klient*innenzentriert, zu hochschwellig und oft zu einem sehr späten Zeitpunkt der Suchtentwicklung. Zudem wird häufig das soziale Umfeld ungenügend in die Hilfeplanung einbezogen. Damit bleibt ein grosses Potential für eine umfassende Unterstützung und Behandlung suchtkranker Menschen und ihren Angehörigen ungenutzt.

Mehr Interprofessionalität würde also eine bessere Versorgung bedeuten?
Ja, das wäre auf jeden Fall eine der zentralen Voraussetzungen. Die Vernetzung und Koordination der interprofessionellen Hilfe ist nebst der Bearbeitung sozialer Ursachen und Folgen von Suchtproblemen ein weiterer zentraler Zuständigkeitsbereich der Sozialen Arbeit. Eine umfassend medizinische psycho-soziale Hilfe und die professionelle Koordination der multiprofessionellen Hilfe hätte das Potential auf verschiedenste Weise zu einer besseren und v.a. bedürfnisgerechteren Versorgung beizutragen:

  • Nebst dem Fokus auf ein (möglichst) suchtmittelfreies Leben tritt mit der Sozialen Arbeit der zentrale Aspekt der sozialen Integration und der autonomen Lebensführung ins Zentrum der Arbeit. Die gelingende Integration ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Gesundheit.
  • Die Früherkennung und Frühintervention würde gestärkt: Diese hat zum Ziel, ungünstige Entwicklungen und Rahmenbedingungen wahrzunehmen, und darauf bezogen passende Hilfestellungen zu arrangieren, die Menschen in ihrer gesunden Entwicklung und sozialen Integration unterstützen.
  • Die interprofessionelle Kooperation und interinstitutionelle Koordination ermöglicht ein niederschwelligeres Hilfsangebot und damit, dass Hilfen früher (oder überhaupt erst) in Anspruch genommen werden.
  • Übergänge (ambulant-stationär, stationär-ambulant) können besser koordiniert und gestaltet werden. Dies führt auch zur Verringerung der Abbruch- und Rückfallquoten.

Die Koordination der Fallarbeit verhindert Redundanzen auf Seiten der Professionen und entlastet und schützt die Klientel, die z.B. potentiell re-traumatisierende Biografien nicht mehrfach schildern zu müssen und sich dadurch in wiederkehrenden Situationen der Hilflosigkeit wiederfinden.
Dass wir Fachleute der Sozialen Arbeit unser Handeln begründen können, unseren eigenständigen Beitrag wie auch unsere Grenzen kennen, ist hier natürlich eine zentrale Voraussetzung für einen gelingende Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen.

* Das Konsortium besteht in alphabetischer Reihenfolge aus Avenir Social, Fachverband Sucht, Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW, und dem schweizerischen Fachverband Soziale Arbeit im Gesundheitswesen (SAGES).

Überblick über Weiterbildungsangebote und das neue Fachseminar: «Wenn Soziale Arbeit auf Sucht tritt»: http://www.mas-sucht.ch

Link zum Buch von Marcel, Tanya Mezzera und Roger Mäder (Open-Access): https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-31994-6

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