Eltern prägen das Bewegungsverhalten ihrer Kinder nachhaltig, zeigen Kohortendaten
Neue Langzeitdaten zeigen: Kinder und Jugendliche, deren Eltern sich im Alltag mehr bewegen, weisen auch Jahre später ein aktiveres Bewegungsverhalten auf. Die Daten liefern Erkenntnisse darüber, wie Eltern das Bewegungsverhalten von Kindern langfristig prägen und welche unterschiedlichen Rollen Mütter und Väter spielen. Die Studie wurde im Rahmen der SOPHYA-Kohorte vom Swiss TPH mit Partnerinstitutionen durchgeführt und im Journal of Activity, Sedentary and Sleep Behaviors veröffentlicht.
Regelmässige Bewegung ist entscheidend für die Gesundheit. Sie trägt zur Vorbeugung von nichtübertragbaren Krankheiten bei, unterstützt das psychische Wohlbefinden und hilft dabei, ein gesundes Körpergewicht zu halten. Obwohl die Schweiz zu den aktivsten Ländern Europas gehört, erreichen viele Kinder und Jugendliche die Empfehlung von mindestens 60 Minuten moderat-intensiver körperlicher Aktivität pro Tag nicht. Die frühe Förderung eines aktiven Lebensstils bleibt daher eine zentrale Aufgabe der Gesundheitspolitik.
Vor diesem Hintergrund wurde die SOPHYA-Studie 2013 durch das Swiss TPH und seine Partner lanciert, um die körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in der ganzen Schweiz zu erfassen und Faktoren zu identifizieren, die ihr Bewegungsverhalten nachhaltig beeinflussen.
Ergebnisse der neuesten SOPHYA-Studie
Die neusten SOPHYA-Daten zeigen: Wie viel Eltern sitzen oder sich im Alltag bewegen, beeinflusst noch fünf Jahre später das Bewegungsverhalten ihrer Kinder. Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen Müttern und Vätern: Mütter verbringen prozentual mehr Zeit mit leichter Aktivität, während Väter häufiger sitzen oder sich intensiver bewegen. Wenn Eltern ihren Sitzanteil reduzieren und mehr Bewegung in den Alltag einbauen, zeigen ihre Kinder ähnliche Verschiebungen im Bewegungsmuster, wobei die stärkste langfristige Korrelation bei Mutter-Kind-Paaren beobachtet wurde.
Die Studie wurde heute im Journal of Activity, Sedentary and Sleep Behaviors veröffentlicht.
«Unsere Studie zeigt: Wenn Eltern im Alltag weniger sitzen und mehr Aktivität in ihren Tag einbauen, spiegelt sich das langfristig im Verhalten ihrer Kinder. Das macht Bewegungsförderung im Familienalltag realistisch und wirksam,» sagt Johanna Hänggi, Erstautorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Swiss TPH.
Eine frühere SOPHYA Publikation, veröffentlicht in BMC Public Health, bestätigte die starke Vorbildfunktion des elterlichen Verhaltens. Kinder von Müttern, die die Schweizer Bewegungsempfehlungen erfüllten, blieben auch fünf Jahre später aktiver, unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund oder Wohnumfeld. Väter, die im Alltag Velo fuhren, hatten ebenfalls häufiger aktive Kinder. Auch die Mitgliedschaft der Eltern in Sportvereinen zeigte einen klaren Einfluss, denn Kinder traten deutlich häufiger einem Sportverein bei, wenn mindestens ein Elternteil bereits Mitglied war. Oft orientierten sie sich dabei am gleichgeschlechtlichen Elternteil.
«Solche Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung nationaler Programme wie Jugend+Sport, die eine zentrale Rolle bei der langfristigen Förderung körperlicher Aktivität bei Kindern und Jugendlichen spielen,» sagt Nicole Probst-Hensch, Studienleiterin und Gruppenleiterin am Swiss TPH.
Langzeitkohorten als Grundlage für evidenzbasierte Gesundheitspolitik
Diese Erkenntnisse sind nur dank der langfristigen Begleitung derselben Familien über viele Jahre hinweg zustande gekommen. Die SOPHYA-Studie führte dazu sowohl wiederholte Befragungen als auch objektive Bewegungsmessungen durch. Zu Beginn nahmen mehrere hundert Mutter-Kind- und Vater-Kind-Paare teil. Fünf Jahre später trugen rund 250 Kinder mit ihren Müttern und 150 Kinder mit ihren Vätern erneut während einer Woche ein Bewegungsmessgerät. Solch robuste Langzeitdaten sind essenziell, um wirksame Präventionsstrategien zu entwickeln und politische Entscheidungen fundiert zu treffen.
Wissenschaftler*innen und Public-Health-Expert*innen setzen sich für eine nationale Gesundheitskohorte mit rund 100'000 Teilnehmenden in der Schweiz ein. Eine politische Debatte dazu fand kürzlich im Parlament statt. Der Nutzen ist erkannt, die Finanzierung ist jedoch ungewiss. «Eine solche Kohorte wäre eine wichtige und langfristige Investition für die Schweiz. Sie würde die bevölkerungsweiten Langzeitdaten liefern, die notwendig sind, um gesundheitliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, wirksame Massnahmen abzuleiten und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Forschung in Bereichen wie Umwelt und Gesundheit, der Überwachung chemischer Belastungen oder der personalisierten Gesundheit zu stärken», sagt Nicole Probst-Hensch
Über die SOPHYA-Studie
Die SOPHYA-Studie (Swiss children’s objectively measured physical activity) ist die erste schweizweite Kohortenstudie, die die körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen objektiv erfasst. Sie wurde vom Swiss TPH in Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne und der Università della Svizzera italiana durchgeführt und durch das Bundesamt für Sport (BASPO), das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Gesundheitsförderung Schweiz finanziert. Ziel der Studie ist es, Familien über mehrere Jahre hinweg zu begleiten, um zu verstehen, wie sich das Bewegungsverhalten entwickelt und welche Faktoren es prägen.
Expertise des Swiss TPH in Kohortenstudien
Das Swiss TPH verfügt über langjährige Erfahrung in der Planung und Durchführung grosser bevölkerungsbasierter Kohortenstudien und langfristiger Gesundheitsforschung. Durch die Kombination von Gesundheits-, Verhaltens-, Sozial-, Umwelt- und Biomarkerdaten über längere Zeiträume hinweg entstehen robuste wissenschaftliche Grundlagen, die dazu beitragen, wirkungsvolle Präventionsstrategien zu entwickeln und die öffentliche Gesundheit in der Schweiz und weltweit zu stärken.
Über den Autor
Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH)
Das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) ist ein weltweit renommiertes Institut auf dem Gebiet der globalen Gesundheit mit besonderem Fokus auf Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen.
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