Prävention und Versorgung verbinden – für eine ganzheitliche Betreuung
Das Team von Raphaël Trémeaud verbessert durch gezielte Projekte die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsversorgung und sozialen Bereichen und versucht so, bestehende Strukturen zu vernetzen. So soll der Realität mit vielen chronischen, in Wellen verlaufenden Krankheiten besser Rechnung getragen werden. Denn hier stösst das bestehende Gesundheitssystem mit seinem linearen Ablauf – Diagnose, Behandlung, Rehabilitation – an seine Grenzen. Ein Interview über die Herausforderungen und Erfolge.
Welche Rolle spielt Prävention in der Gesundheitsversorgung in der Schweiz?
Raphaël Trémeaud: Sie ist ein zentraler Bestandteil der nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten. Ziel ist, eine durchgehende Versorgungskette zu schaffen, die von der Gesundheitsförderung bis hin zur Behandlung reicht – einen sogenannten Gesundheitspfad. Gesundheit und Krankheit sind nicht klar getrennten Zustände, sondern wechseln sich im Laufe des Lebens ab und gehen ineinander über. Entsprechend soll eine kontinuierliche Begleitung innerhalb des Gesundheitssystems etabliert werden. Ein besonderer Fokus liegt auf den sogenannten „Big Five“ der nichtübertragbaren Krankheiten (Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen und muskuloskelettale Erkrankungen) sowie auf psychischer Gesundheit und Sucht. Die NCD-Strategie verfolgt somit einen ganzheitlichen Ansatz, der verschiedene Bereiche der Gesundheit miteinander verbindet. Prävention in der Versorgung wird in der Schweiz bereits aktiv umgesetzt. Bis Ende 2025 werden insgesamt 80 Projekte mit rund 57,2 Millionen CHF durch Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt. Im Jahr 2025 starteten vier umfangreiche Good-Practice-Projekte in die Übergangsphase – zwei weitere folgen am 1. Januar 2026. Verschiedene Akteure arbeiten also bereits engagiert daran, präventive Ansätze stärker in die Gesundheitsversorgung zu integrieren – auch langfristig.
Welche Ziele will Gesundheitsförderung Schweiz im Bereich Prävention in der Gesundheitsversorgung erreichen?
Wir wollen folgende Ziele erreichen:
- Entwicklungen, Aktivitäten und Kennzahlen der Projektförderung PGV transparent darstellen.
- Herausforderungen und Wissenslücken identifizieren sowie Perspektiven für die Weiterentwicklung der Projektförderung PGV ableiten.
- Das Potenzial der Prävention in der Gesundheitsförderung sichtbar machen.
Warum gewinnt Prävention in der Versorgung an Bedeutung?
Bis zur NCD-Strategie konzentrierte sich Gesundheitsförderung vor allem auf die Allgemeinbevölkerung, beispielweise mit Massnahmen zur Stärkung von Kompetenzen und Ressourcen. Der neue Ansatz verschiebt den Schwerpunkt stärker auf Risikofaktoren und den Umgang mit chronischen Krankheiten. Dabei muss man verstehen: Menschen sind nicht eindeutig gesund oder krank – oft befinden sie sich in einem dynamischen Zustand dazwischen. Viele leben beispielsweise mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes. Dennoch können sie ein gutes Leben führen. Sie benötigen dafür aber eine kontinuierliche und gut abgestimmte Betreuung. Dies erfordert eine engere, interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen.
Interprofessionelle Zusammenarbeit ist ein Kernthema der Präventionsbemühungen in der Versorgung...
Ziel ist es, das sogenannte Silo-Denken aufzubrechen. Gesundheitsförderung, Prävention und medizinische Versorgung sollen nicht länger getrennt betrachtet werden, sondern entlang eines gemeinsamen Versorgungspfads ineinandergreifen. Fachpersonen aus Spitälern, ambulanter Versorgung und Gesundheitsförderung sollen stärker zusammenarbeiten und den gesamten Lebenskontext der Menschen berücksichtigen. Denn Krankheit ist nur ein Teil des Lebens – Menschen haben gleichzeitig verschiedene Rollen und Bedürfnisse. Sie sind nicht nur Erkrankte, sondern auch Mütter, Väter, Arbeitnehmende... Und eine Krankheit bestimmt das Leben nicht immer im gleichen Ausmasse. Eine Person zum Beispiel, die unter Depressionen leidet, tut dies nicht immer gleich stark.
Kommt hinzu: Ein Grossteil der finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen fliesst in die Versorgung, insbesondere in Spitäler und Infrastruktur. Daher liegt es nahe, präventive Ansätze stärker in diese bestehenden Strukturen zu integrieren und mit Aktivitäten ausserhalb der klassischen Versorgung zu verknüpfen. Insgesamt geht es darum, Prävention und Versorgung enger zu verbinden und so eine ganzheitlichere und kontinuierliche Betreuung zu ermöglichen.
Was bedeutet dies für Fachpersonen im Alltag?
Für Fachpersonen im Alltag bedeutet dieser Ansatz vor allem, stärker vernetzt und koordiniert zu arbeiten. Es geht weniger darum, dass Einzelne alles zusätzlich leisten müssen, sondern dass durch gezielte Projekte, Weiterbildungen und neue Tools die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsversorgung und sozialen Bereichen verbessert wird.
So können Fachpersonen beispielsweise lernen, Patientinnen und Patienten im Selbstmanagement zu unterstützen oder sich besser mit anderen Akteuren abzustimmen. Ein Beispiel dafür ist der „Plan de crise conjoint“ in der psychischen Gesundheit: Betroffene halten gemeinsam mit Fachpersonen und ihrem Umfeld fest, was sie im Krisenfall brauchen. Dadurch können Behandlungen gezielter erfolgen und unnötige Spitaleintritte vermieden werden.
Insgesamt steht ein patientenzentrierter Ansatz im Vordergrund, der jedoch stark auf die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen angewiesen ist. Damit dies gelingt, braucht es entsprechende Schulungen und Strukturen – denn ohne diese bleibt im hektischen Alltag oft zu wenig Zeit für Koordination.
Mit themenspezifischer Projektförderung versuchen Sie, Lücken zu füllen. Wo ist das bereits gelungen?
Insbesondere in den Bereichen psychische Gesundheit, Krebs, Demenz und Suizidprävention – die Projektergebnisse sind veröffentlicht worden. Diese zeigen Fortschritte, etwa bei der besseren Identifikation von Problemen.
Wo braucht es weiteres Engagement?
Zentrale Herausforderungen bleiben bestehen, vor allem die nachhaltige Finanzierung und die Zusammenarbeit über Sektorengrenzen hinweg. Viele Projektverantwortliche betonen, dass das Silo-Denken nach wie vor ein Hindernis ist. Hinzu kommt der zunehmende Spardruck: Es soll gespart und gleichzeitig investiert werden.
Weiteres Engagement benötigt es für pflegende Angehörige. Wenn diese überlastet sind oder ausfallen, kann dies das gesamte Versorgungssystem stark belasten. Deshalb versuchen wir, solche Themen früh zu erkennen und Projekte systematisch zu evaluieren.
Weiterer Handlungsbedarf besteht insbesondere in der psychischen Gesundheit sowie generell bei der langfristigen Finanzierung von Prävention und Gesundheitsförderung. Viele Projekte sind zeitlich begrenzt, wodurch nach deren Ende oft die Kontinuität fehlt. Umso wichtiger sind eine bessere Koordination zwischen Versorgung, Politik und lokalen Akteuren sowie nachhaltige Strukturen, die über einzelne Projekte hinaus bestehen bleiben.
Sie haben es schon angesprochen: Wer Präventionsprojekte in der Versorgung umsetzen will, kämpft meist mit Fragen der Finanzierung. Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt bei solchen Herausforderungen. Wie machen Sie das?
Wir versuchen, durch Coaching diese Idee einer nachhaltigen Finanzierung zu verankern. Wir unterstützen bei der Mittelbeschaffung, etwa über Stiftungen oder spezielle Fördermechanismen. Dennoch bleibt die Finanzierung schwierig, da viele unterschiedliche Akteure mit eigenen Interessen beteiligt sind – etwa Spitäler, Versicherungen, Politik oder die Pharmaindustrie. Diese unterschiedlichen Interessen machen einfache Lösungen praktisch unmöglich. Unsere Rolle besteht daher vor allem darin, zwischen den Akteuren zu vermitteln und sie zu gemeinsamen Lösungen zu motivieren.
Das klingt alles sehr herausfordernd...
Gesundheit ist heute multifaktoriell und komplex. Früher liessen sich viele Krankheiten vergleichsweise einfach lösen, etwa durch Impfungen. Heute zeigt sich jedoch – beispielsweise bei Covid und Long Covid –, dass selbst solche Krankheiten langfristige und schwer einzuordnende Folgen haben können, die körperliche, psychische und soziale Aspekte betreffen. Diese Komplexität erfordert das Zusammenspiel vieler Akteure. Patientinnen und Patienten müssen stärker einbezogen werden, sie fühlen sich oft noch zu wenig gehört. Gleichzeitig passt das bestehende Gesundheitssystem mit seinem linearen Ablauf – Diagnose, Behandlung, Rehabilitation – häufig nicht zur Realität, in der viele Erkrankungen chronisch verlaufen und in Wellen auftreten, wie etwa bei psychischen Erkrankungen. Insgesamt wird deutlich: Wären gesundheitliche Probleme einfach, wären sie längst gelöst – die Herausforderung liegt gerade in ihrer Vielschichtigkeit.
Sehr herausfordernd ist die langfristige Finanzierung. Während Strategien oft nur für wenige Jahre angelegt sind, bestehen Probleme wie chronische Erkrankungen, Demenz oder Long Covid dauerhaft. Es fehlt daher häufig an nachhaltigen Perspektiven. Zwar gibt es Ansätze wie neue Finanzierungsmodelle oder digitale Lösungen, doch im Arbeitsalltag bleibt wenig Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, da Fachpersonen stark ausgelastet sind.
Auch neue Themen wie Brain Health oder Schlafstörungen zeigen, wie vielschichtig Gesundheitsfragen sind: Sie betreffen medizinische, psychische, soziale und arbeitsbezogene Aspekte gleichzeitig. Insgesamt wird deutlich, dass nachhaltige Finanzierung und wirksame Prävention immer in einem komplexen Spannungsfeld verschiedener Interessen stehen.
Es gibt jedoch Ansätze, die Erfolg versprechen. Was sind Erfolgsfaktoren für die Prävention in der Versorgung?
Erfolgreiche Projekte – etwa in der psychischen Gesundheit oder Suizidprävention – zeichnen sich vor allem durch gute interprofessionelle Zusammenarbeit, klare Koordination und eine anerkannte, legitime Struktur aus. Wichtig sind zudem ausreichende Ressourcen sowie eine kontinuierliche Begleitung, Coaching und Evaluation, damit Projekte flexibel bleiben und sich weiterentwickeln können.
In einem kürzlich publizierten Bericht empfiehlt der Bundesrat, Prävention vermehrt in die kantonale Gesundheitsversorgung einzubinden. Dabei könne Gesundheitsförderung Schweiz unterstützen. Wie sieht das konkret aus?
Wenn wir ein Projekt finanzieren, müssen die Antragstellenden die zuständige Person in ihrem Kanton kontaktieren – so stärken wir die Zusammenarbeit zwischen den Projektteams und den kantonalen Behörden. Zukünftig wollen wir die Kantone noch enger einbinden, gestützt auf bestehende Strategien und Arbeitsgruppen.
Allerdings wird dies zunehmend anspruchsvoller, da frühere Unterstützung – etwa durch ein Team im Bundesamt für Gesundheit – weggefallen ist. Aufgaben und Koordination müssen nun stärker bei Gesundheitsförderung Schweiz intern übernommen werden, oft ohne zusätzliche Ressourcen, was die Arbeit komplexer macht.
Gibt es Länder, welche für die Schweiz eine Vorbildfunktion haben könnten?
Es gibt zwar einzelne gute Beispiele aus Ländern wie den nordischen Staaten, aber kein fertiges System, das man einfach übernehmen könnte. Stattdessen finden sich in vielen Ländern wie Österreich, Frankreich, Deutschland oder dem UK jeweils interessante Ansätze zu bestimmten Themen.
Deshalb setzten wir stark auf einen Bottom-up-Ansatz: Projekte und Fachpersonen vor Ort bringen ihre Erfahrung ein und entwickeln Lösungen, die an die jeweiligen regionalen Gegebenheiten angepasst sind. Top-down-Strategien können zwar unterstützen, reichen aber allein nicht aus – entscheidend ist die Praxisnähe und die Nutzung des Wissens aus dem Feld.
Was möchten Sie Fachpersonen mitgeben, die ein Präventionsprojekt umsetzen wollen?
Ein zentrales Risiko besteht darin, dass Projekte zu wenig flexibel sind und sich zu stark an Strukturen statt an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Deshalb ist es wichtig, die Lebensqualität, die betroffenen Personen und die Fachpraxis konsequent ins Zentrum zu stellen. Andernfalls entstehen zwar gut konzipierte Projekte auf dem Papier, die in der Praxis jedoch nicht funktionieren – etwa, wenn Zielgruppen nicht erreicht werden.
Um dem entgegenzuwirken, wird großer Wert auf systematische Evaluation und enge Projektbegleitung gelegt. So kann laufend überprüft werden, ob Angebote tatsächlich gebraucht werden und wirksam sind.
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