Minderjährige steigen über das Vapen in den Nikotinkonsum ein

Mittlerweile vapen 8 % der Jugendlichen. Jedes Jahr werden es mehr. Sie lassen sich ködern mit süssen und fruchtigen Geschmacksrichtungen. E-Zigaretten sind damit bei Jugendlichen zum wichtigsten Einstiegsprodukt in den Nikotinkonsum geworden. Alexander Möller, Leitender Arzt der Pneumologie am Kinderspital Zürich und Titularprofessor an der Universität Zürich, erklärt im Interview, welche Folgen der Nikotinkonsum für die Jugendlichen hat und welche politischen Konsequenzen er fordert.

Möller
Prof. Dr. med. Alexander Möller ist leitender Arzt am Universitäts-Kinderspital Zürich. Sein Spezialgebiet ist die Pneumologie.

Die Erhebung Santé und Lifestyle fördert zutage, dass etwa 8 % der 15- bis 17-Jährigen mindestens einmal im Monat E-Zigaretten konsumieren. Die Jugendlichen mögen die fruchtigen Aromen. Wie werden Sie in Ihrer Praxis mit diesem neueren Phänomen konfrontiert?

Alexander Möller: In der Klinik ist das Thema nicht so offensichtlich präsent. Häufig sitzen Jugendliche gemeinsam mit einem Elternteil vor uns. Spontan erzählt kaum ein Jugendlicher oder eine Jugendliche, dass er oder sie vapt oder raucht. Wenn ich nachfrage und die Eltern nichts davon wissen, wird der Konsum meist verneint. Deshalb sehen wir in der Klinik nur einen kleinen und nicht repräsentativen Ausschnitt. Das tatsächliche Ausmass erkennt man eher im Alltag, wenn man Jugendliche beobachtet oder mit ihnen spricht.

Wie nehmen Sie das Thema wahr, wenn es dennoch einmal offen zur Sprache kommt?

Möller: Wenn es vorkommt, ist es relevant. Viele Jugendliche sagen dann: «Ich kann jederzeit wieder aufhören» oder «Ich habe kein Problem damit aufzuhören». Nur sehr selten suchen Jugendliche aktiv Hilfe.

Das Bewusstsein für das Abhängigkeitspotenzial scheint bei den Jugendlichen also nicht vorhanden zu sein?

Möller: Ja, das entspricht typischem jugendlichem Verhalten. Jugendliche haben oft das Gefühl, unverwundbar zu sein. Dieses Denken betrifft viele Risikoverhalten in der Adoleszenz – und eben auch den Nikotinkonsum.

Wie reagieren Jugendliche, wenn sie über die Schädlichkeit des Vapens aufgeklärt werden?

Möller: In den letzten Jahren wurde von der Industrie stark vermittelt, dass Vaping weniger schädlich sei und Nikotin eigentlich kein grosses Problem darstelle. Diese Botschaft gehört zur Strategie der Industrie, die eine Normalisierung des Vapens erreichen will. Vielen Jugendlichen ist deshalb gar nicht bewusst, dass E-Zigaretten ebenfalls problematisch sind. Oft reagieren sie überrascht, wenn ich ihnen erkläre, dass Vapen gesundheitlich ähnlich problematisch sein kann wie das Rauchen herkömmlicher Zigaretten.

Dann müsste man die Jugendlichen dringend stärker sensibilisieren?

Möller: Sensibilisierung allein reicht nicht aus. Damit wird die Verantwortung zu stark auf die Konsumentinnen und Konsumenten abgeschoben. Viel wichtiger wäre die konsequente Umsetzung der bestehenden Gesetze. Das Problem ist, dass in der öffentlichen Diskussion oft nur über Schadstoffe im Rauch gesprochen wird – nicht über Nikotin selbst. Dadurch wird das eigentliche Suchtpotenzial verharmlost. Das Hauptproblem von E-Zigaretten ist das Nikotin. Sämtliche dieser Produkte enthalten Nikotin, und Nikotin hat ein extrem hohes Suchtpotenzial.

In den letzten Jahren wurde von der Industrie stark vermittelt, dass Vaping weniger schädlich sei und Nikotin eigentlich kein grosses Problem darstelle. Diese Botschaft gehört zur Strategie der Industrie, die eine Normalisierung des Vapens erreichen will.

Warum ist Nikotin für Jugendliche so schädlich?

Möller: Im Jugendalter befindet sich das Gehirn in einer Phase eines starken Umbaus und der Entwicklung. Nikotin wirkt auf die Rezeptoren im Belohnungssystem des Gehirns. Dadurch wird die Dopaminausschüttung beeinflusst, was positive Gefühle verstärkt und die Entwicklung einer Abhängigkeit stark fördert. 

Beginnt mit dem Vapen der Weg in eine jahrelange Nikotinabhängigkeit?

Möller: Jugendliche, die vapen, beginnen später häufiger mit dem Rauchen klassischer Zigaretten. Damit zeigt sich bei Jugendlichen eher ein Einstiegseffekt statt eines Ausstiegseffekts. Studien zeigen zudem klar, dass die Wahrscheinlichkeit einer späteren Suchterkrankung deutlich höher ist, wenn Jugendliche bereits in der Adoleszenz Nikotin konsumieren. Tiermodelle und Hirnstudien weisen darauf hin, dass ein früher Nikotinkonsum auch die Anfälligkeit für andere Substanzen erhöhen kann.

E-Zigaretten bestehen aus Liquids, deren Inhaltsstoffe oft nicht bekannt sind. Welche gesundheitlichen Risiken können dadurch entstehen?

Möller: Viele E-Zigaretten, die über den Ladentisch gehen, stammen aus unkontrollierter Produktion. Vor allem die Aromastoffe sind problematisch. Diese Stoffe sind zwar teilweise für Lebensmittel zugelassen, wurden aber nicht für die Inhalation untersucht. Zunehmend zeigen toxikologische Studien, dass beim Erhitzen der Flüssigkeiten krebserregende und zellschädigende Stoffe entstehen können. Klinisch sehen wir die Langzeitfolgen möglicherweise erst in zehn bis fünfzehn Jahren.

Studien zeigen klar, dass die Wahrscheinlichkeit einer späteren Suchterkrankung deutlich höher ist, wenn Jugendliche bereits in der Adoleszenz Nikotin konsumieren. 

Gibt es bereits heute Jugendliche, die wegen gesundheitlicher Probleme durch Vapes zu Ihnen in Behandlung kommen?

Möller: Es gibt seltene, aber schwere Komplikationen. Bekannt ist insbesondere EVALI – eine vapingassoziierte Lungenschädigung. Dabei handelt es sich um schwere Entzündungsreaktionen der Lunge, die teilweise zu Intensivbehandlungen oder bleibenden Schäden geführt haben. In der Schweiz sehen wir solche Fälle seltener als in den USA. Häufiger sehen wir Jugendliche mit Asthma, bei denen sich die Erkrankung durch das Rauchen oder Vapen verschlechtert. Die Asthmakontrolle funktioniert dann deutlich schlechter.

Erinnert Sie die Diskussion um E-Zigaretten an die Situation beim Rauchen in den 1950er- und 1960er-Jahren?

Möller: Ja. Auch damals wurden Risiken relativiert und industrienahe Studien eingesetzt, um Zweifel zu säen.

Die Produkte sind oft farbig gestaltet und mit süssen Aromen versehen. Warum wirken sie so attraktiv auf Jugendliche?

Möller: Süsse und intensive Geschmacksrichtungen wie Mango, Marshmallow oder Kaugummi sind für Jugendliche besonders attraktiv. Auch die farbige Gestaltung und die Vermarktung über soziale Medien richten sich klar an junge Zielgruppen. Diese Produkte sind nicht für ältere Erwachsene entwickelt worden. Geschmack, Design und Werbung sprechen eindeutig Kinder und Jugendliche an.

Braucht es spezifische Entwöhnungs-Angebote für Jugendliche?

Möller: Es gibt durchaus ein Bedürfnis nach Rauch- beziehungsweise Nikotinentwöhnung bei Jugendlichen. In einem Projekt der Lungenliga Luzern zeigte eine Umfrage, dass rund 46 Prozent der befragten Jugendlichen gerne aufhören würden und sich Unterstützung wünschen. Das hat mich überrascht. Offenbar unterschätzen wir das Ausmass der Problematik und den Leidensdruck vieler Jugendlicher.

Was muss man bei der Rauch- und Nikotinentwöhnung von Jugendlichen anders machen als bei Erwachsenen?

Möller: Abschreckung allein funktioniert kaum. Aussagen wie «Du könntest später an Krebs erkranken» beeindruckt Jugendliche nicht und liegt ausserhalb ihrer Vorstellungskraft. Jugendliche ignorieren ja auch die Hinweisschilder bei Hochspannungsleitungen. 

Wirksam scheint eher zu sein, wenn Jugendliche konkrete Auswirkungen auf ihre aktuelle Gesundheit sehen – etwa auf ihre Lungenfunktion oder sportliche Leistungsfähigkeit. Wichtig sind ausserdem Peergruppen, gemeinsame Aktivitäten und soziale Unterstützung. Jugendliche orientieren sich stark an Gleichaltrigen. Gruppendynamiken können deshalb positiv genutzt werden. Es gibt aber auch die Einzelkämpfer, die zuhause vor dem Computer sitzen und den ganzen Tag gamen und vapen. Diese sind schwieriger zu erreichen.

Wir alle wissen, dass Werbung funktioniert – sonst würde niemand dafür Geld ausgeben

Welche Erwartungen haben Sie als Experte an die Politik?

Möller: In erster Linie wünsche ich mir die konsequente Umsetzung des Tabakproduktegesetzes. Die Bevölkerung hat sich in einer Abstimmung klar dafür ausgesprochen, Jugendliche besser zu schützen. Wir alle wissen, dass Werbung funktioniert – sonst würde niemand dafür Geld ausgeben. Wenn man dann sieht, wie viele Parteien versuchen, irgendwelche Ausnahmen und Sonderregelungen zu erreichen und das Gesetz möglichst lange hinauszuzögern… Das ist für mich eine Beleidigung des Schweizer Souveräns. 

Das Parlament macht also nicht vorwärts, obwohl es einen Auftrag hat. Gleichzeitig entwickelt sich der Markt weiter und es tauchen laufend neue Probleme auf. Was müsste von der Politik dort angegangen werden? 

Möller: Es gibt zwar bereits ein Tabakproduktegesetz. Dennoch bin ich persönlich der Meinung, dass es eine strengere Regulierung und mehr Kontrollen braucht. Zudem müssten Produkte systematisch überprüft und problematische Inhaltsstoffe verboten werden. Insbesondere Aromastoffe sollten deutlich stärker reguliert werden, so wie dies unsere Nachbarländer bereits heute tun.

Die Lungenliga Zentralschweiz arbeitet an der Entwicklung des Pilotprojekts «Nikotinstopp für Minderjährige» (NiSAM). Das ist ein niederschwelliges, praxisnahes und altersgerechtes Unterstützungsangebot für Minderjährige, die ihren Nikotinkonsum beenden möchten.

Das Pilotprojekt wird gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen sowie Fachpersonen aus der Pädiatrie, Suchtberatung und Pädagogik entwickelt und startet im Winter 2026 in den Kantonen Luzern und Zug. 

Zusammen mit verschiedenen Organisationen wurde eine fachliche Begleitgruppe gebildet, welche sicherstellt, dass die Erfahrungen der Fachpersonen zur aktuellen Nikotinabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen miteinbezogen werden.

Bundesamt für Gesundheit BAG

«Gesundheit & Lifestyle» - Erhebung 2025

Die Umfrage «Gesundheit & Lifestyle» erfasst seit 2018 jährlich das Gesundheitsverhalten der Schweizer Bevölkerung insbesondere im Bereich Tabak- und Nikotinkonsum. Die aktuelle Erhebung zeigt: Junge Menschen steigen heute überwiegend mit E-Zigaretten in den Nikotinkonsum ein. Gleichzeitig nimmt der parallele Konsum mehrerer Produkte zu, während nur wenige den Ausstieg schaffen. Wirksame Regulierung ist daher dringend nötig – und wird von der Bevölkerung mehrheitlich unterstützt.

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