Erst verstehen, dann verändern: Warum die Funktion des Rauchens zählt
Wer Rauchstopp begleitet, profitiert von einem Blick, der nicht zuerst urteilt, sondern fragt, welche Aufgabe die Zigarette im Alltag erfüllt. Eine funktionsorientierte Haltung kann Widerstand senken, Gespräche vertiefen und Veränderung fachlich präziser machen.
Rauchen ist gesundheitsschädlich. In der Begleitung von Menschen mit Nikotinabhängigkeit genügt es jedoch oft nicht, nur auf Risiken, Einsicht oder Willenskraft zu verweisen. Die WHO-Leitlinie empfiehlt eine personenzentrierte Unterstützung mit evidenzbasierten verhaltensbezogenen und pharmakologischen Hilfen (WHO, 2024). Auch aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen, dass gerade strukturierte Unterstützung wirksam sein kann (Hersi et al., 2024). Für Fachpersonen stellt sich deshalb nicht nur die Frage, ob jemand raucht, sondern auch, wozu das Verhalten im Alltag dient.
Eine funktionsorientierte Sichtweise fragt nach der subjektiven Aufgabe des Rauchens: Wird die Zigarette als Pause erlebt, als Übergang zwischen Anforderungen, als Form von Entlastung oder als vertrautes Ritual? Diese Perspektive relativiert die gesundheitlichen Risiken nicht. Sie macht das Verhalten vielmehr genauer beschreibbar und damit gezielter bearbeitbar. Aus einem moralisch aufgeladenen Thema wird so eine konkrete Veränderungsaufgabe. Fachlich ist das besonders hilfreich, weil Verständlichkeit häufig eher zu Reflexion führt als Schuldzuweisung.
Gerade die sprachliche Haltung verdient dabei Aufmerksamkeit. Eine 2024 publizierte Studie aus Korea zeigte, dass weibliche Rauchende sozial stigmatisierende, identitätsbedrohende Anti-Rauch-Botschaften eher mit Widerstand beantworteten; ihre Aufhörintention verbesserte sich unter diesen Botschaften nicht (Ha et al., 2024). Eine systematische Übersichtsarbeit von 2024 beschreibt zudem, dass rauchende Frauen Stigmatisierung häufig erleben und internalisieren und dass Herkunft, soziale Lage oder Mutterschaft diese Erfahrungen mitprägen können (David et al., 2024). Das spricht nicht gegen klare Präventionsbotschaften, wohl aber gegen Kommunikation, die Beschämung gezielt als Veränderungshebel einsetzt.
Für Fachpersonen lässt sich daraus ein einfacher Grundsatz ableiten: Das Verhalten klar benennen, ohne die Person abzuwerten. Fragen wie «Welche Rolle spielt das Rauchen in belastenden Momenten?» oder «Was scheint die Zigarette in diesem Augenblick zu erleichtern?» öffnen oft eher ein Arbeitsbündnis als Appelle, die vor allem Schuld erzeugen. So entsteht ein Zugang, der weder verharmlost noch moralisert, sondern Veränderung respektvoll und fachlich präzise begleite
David, J.-C., Fonte, D., Sutter-Dallay, A.-L., Auriacombe, M., Serre, F., Rascle, N., & Loyal, D. (2024). The stigma of smoking among women: A systematic review. Social Science & Medicine, 340, 116491.
Ha, S.-H., Lee, G.-E., Hwang, J.-S., & Lee, J.-H. (2024). Resistance to anti-smoking messages related to the higher smoking stigma of Korean female smokers. Frontiers in Psychology, 15, 1427201.
Hersi, M., Beck, A., Hamel, C., et al. (2024). Effectiveness of smoking cessation interventions among adults: An overview of systematic reviews. Systematic Reviews, 13, 179.
World Health Organization. (2024). WHO clinical treatment guideline for tobacco cessation in adults. World Health Organization.
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Gemeinschaftspraxis Galli-Mittelbach
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