Entstigmatisierung wirkt am stärksten, wenn sie von Betroffenen selbst ausgeht
Alkohol ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Wer jedoch davon abhängig wird, sieht sich schnell mit Vorurteilen und sozialer Ausgrenzung konfrontiert. Im Interview spricht Stigmaforscher Georg Schomerus über Verantwortung, Schuldvorwürfe und Doppelmoral. Aber auch über mögliche Wege, die Situation zu verbessern. So plädiert er dafür, Menschen mit eigener Recovery-Erfahrung als Ressource für Prävention und Gesundheitsförderung zu nutzen.
Der Schweizer Aktionstag Alkoholprobleme steht unter dem Motto: verstehen statt verurteilen. Was halten Sie von diesem Motto?
Georg Schomerus: Das trifft einen wichtigen Punkt: Den Umgang mit Alkoholproblemen muss man ändern. Vor allem die Schuldvorwürfe und die Idee, dass Alkoholprobleme ein Fehlverhalten sind, das man korrigieren muss. Wir schieben sehr viel Verantwortung auf das Individuum und lassen die Menschen mit einem Alkoholproblem weitgehend allein. Die Verantwortung des Umfelds hingegen ignorieren wird mehrheitlich.
Kann ein differenzierter Blick Stigmatisierung reduzieren?
Das ist sicher ein Teil davon. Zur Entstigmatisierung von Alkoholproblemen gehört jedoch mehr. Zum einen, dass wir als Gesellschaft unseren Umgang mit Alkohol hinterfragen – in Europa konsumieren wir ja insgesamt sehr viel. Durch die Stigmatisierung versuchen wir immer, eine Grenze zu ziehen zwischen dem gepflegten guten Konsum, wo wir uns selbst sehen, und dem missbräuchlichen schlechten Konsum, wo wir die anderen sehen. Diese Dichotomie ist eigentlich eine Konstruktion. Wir wissen heute, dass es keinen gesunden Alkoholkonsum gibt, weil schon geringe Mengen schädliche Folgen für die Gesundheit haben können. Um die Stigmatisierung von Alkoholproblemen anzugehen, müsste man insgesamt einen besseren gesellschaftlichen Umgang mit dem Alkohol finden.
Bis vor kurzem haben offizielle Stellen kommuniziert, wieviel Alkoholkonsum noch okay sei – davon ist man weggekommen. Welche Auswirkungen haben solche Botschaften auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Alkohol?
Solche Botschaften führen zu einer Doppelmoral. Zum einen heisst es, es gäbe das gesunde, normale, kontrollierte Trinken, was dazu führt, dass man eher dazugehört, wenn man mittrinkt. Alkoholtrinken ist eine sehr soziale Angelegenheit - man ist eher der Aussenseiter, wenn man nichts trinkt. Und es wird erwartet, dass man mittrinkt.
Gleichzeitig wird aber dann die Abhängigkeit von der Substanz total stigmatisiert. Das ist eine Doppelmoral: Niemand beginnt Alkohol zu trinken, mit dem Vorsatz, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Das passiert einfach. Und bei manchen Menschen nicht unbedingt, weil sie besonders viel trinken, sondern, weil sie genauso viel trinken wie ihr Umfeld auch. Viele Leute sind abhängig und wissen das gar nicht. Sie trinken einfach weiter. Eine solche Normalisierung von Alkohol ist ungesund und geht zu Lasten derjenigen, die dann ein Alkoholproblem entwickeln.
Bei Alkohol wird oft Eigenverantwortung gefordert. Wann kippt dieses Narrativ in eine Schuldzuweisung?
Klar, es geht nicht ohne Eigenverantwortung: Wer sein Konsumverhalten ändern will, muss selbst etwas tun. Und gleichzeitig ist das nur eine Seite der Medaille. Jede Handlung findet in einem sozialen Kontext statt, der die Handlung entweder leichter oder schwerer macht. Alkohol trinken wir an gesellschaftlichen Anlässen – die Trinkkultur unserer Community normalisiert ein bestimmtes Trinkverhalten. Die Menge, die insgesamt getrunken wird, hat einen direkten Einfluss darauf, wie viele Leute ein Alkoholproblem entwickeln. Wird insgesamt mehr getrunken, gibt es auch mehr Leute, die deutlich mehr trinken und einem Abhängigkeitsrisiko ausgesetzt sind.
Wer schliesslich eine Abgängigkeit entwickelt, ist aber gar nicht mehr fähig, die Verantwortung zu übernehmen. Ein Alkoholproblem ist ja nicht einfach eine schlechte Angewohnheit, sondern eine Krankheit. Je stärker mein Alkoholproblem ist, desto wichtiger ist es, dass ich ein Umfeld habe, das es mir leicht macht, nicht zu trinken. Das Narrativ der Eigenverantwortung macht nur Sinn, wenn man sich gleichzeitig die Verantwortung des Umfelds anguckt.
Wie sollte man das Umfeld gestalten?
Da gibt es unzählige Möglichkeiten. Ein Beispiel: In Deutschland ist es erlaubt, kleine Alkoholflaschen an den Kassen der Supermärkte zu positionieren – dort, wo alle Kunden zwingend durchmüssen. Das ist zynisch: Jemand, der gerade eine Alkoholabhängigkeit hinter sich gelassen hat und versucht, abstinent zu leben, wird ständig mit diesen Schnapsflaschen konfrontiert. Diese Flaschen sind genau für solche Menschen gemacht - wer sonst würde die kaufen? Schnapsflaschen an der Kasse zu untersagen wäre eine von zahlreichen, sinnvollen Massnahmen, die eigentlich niemandem wehtun, sondern Menschen schützen, die keinen Alkohol konsumieren wollen. Solche Massnahmen werden aber von der Alkohollobby immer wieder unterlaufen. Die Schnapsflasche an der Kasse wird zum Inbegriff der Freiheit des Einzelnen, die nicht eingeschränkt werden darf. Ein anderer Fall ist die Etikettierung: Auf der Alkoholflasche stehen weder Informationen über das Krebsrisiko noch Kalorienangaben - nur der Alkoholgehalt. Den Risiken von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft wird mit den kleinen Warnhinweisen keinerlei Rechnung getragen: In Deutschland ist das fetale Alkoholsyndrom die häufigste angeborene Behinderung. Es ist also extrem häufig, dass unschuldige Kinder unter Alkoholkonsum leiden.
Warum werden die Risiken beim Alkohol im Vergleich zu anderen Suchtmitteln oft verharmlost?
Weil wir gerne Alkohol trinken. Die Alkohollobby spielt sicherlich eine Rolle – aber die kann ja auch nur so handeln, weil wir ihre Narrative so gerne glauben. Den eigenen Konsum zu hinterfragen, ist unangenehm.
Warum?
Das ist ein Effekt der Stigmatisierung. Um den eigenen Alkoholkonsum normal zu finden, grenzt man sich von jenen mit Alkoholproblemen ab: Je mehr ich selbst trinke, desto krasser muss meine Vorstellung von den Leuten mit dem wirklichen Alkoholproblem sein - denn ich habe ja keins. Trinke ich jeden Abend zwei Bier, dann sind zwei Bier normal; eine Falsche Wein pro Abend jedoch schlimm. Trinke ich jeden Abend eine Flasche Wein, trinke ich immerhin keinen Schnaps... So verschiebt sich die Grenze. Und das macht es umso schwerer, wenn ich irgendwann tatsächlich denke, dass ich ein Problem haben könnte: Ich muss mich mit diesem krassen Schreckensbild eines Menschen mit Alkoholproblemen identifizieren, das ich mir vorher selbst zurechtgelegt habe.
Eigentlich sind Menschen mit Alkoholproblemen super häufig. Das ist völlig normal, das liegt an der Substanz. Jeder, der regelmässig trinkt, läuft Gefahr, dass er sich daran gewöhnt, eine Toleranz entwickelt, immer mehr trinkt. Frühe Erkennung wäre wichtig – aber es passiert eben genau das Gegenteil: Man gesteht es sich nicht ein, weil man auf keinen Fall zu dieser Gruppe gehören möchte.
Welche Rolle spielt das soziale Umfeld bei einer Abhängigkeit?
Das soziale Umfeld ist stark von den Folgen betroffen, besonders Angehörige. Sie leiden oft. Sie sprechen aber nicht darüber und holen sich keine Hilfe, weil Abhängigkeit tabuisiert ist. Dabei sind sie die wichtigste Unterstützung für die Betroffenen und zugleich am stärksten belastet. Und häufig isoliert. Besonders Kinder suchtkranker Eltern erleben das Thema als Tabu – sie dürfen mit niemandem darüber reden und bleiben dadurch auch ausserhalb des Elternhauses isoliert, ohne Ausgleich zu den Problemen zu Hause. Angehörige werden oft als Co-abhängig und Teil des Problems bezeichnet – das fühlt sich für mich nicht richtig an. Sie haben es ohnehin schwer, werden durch die Tabuisierung zusätzlich isoliert. Ihnen dann noch Schuld zuzuschieben, finde ich zu einfach.
Wie kann man diese Menschen unterstützen?
Indem man das Problem offen anspricht – ohne zu moralisieren oder Schuld zuzuweisen, sondern einfach als Problem, das man gemeinsam lösen muss.
Für Menschen mit Alkoholabhängigkeit gibt es viele Angebote – von Selbsthilfegruppen bis zu professioneller Suchthilfe, Entgiftung und Rehabilitation. Die eigentliche Schwierigkeit ist oft, sie dazu zu bewegen, diese Hilfe auch anzunehmen.
Warum ist es für sie so schwierig, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen?
Weil Alkoholprobleme nach wie vor stark tabuisiert und Betroffene stigmatisiert sind. Das gilt für Betroffene wie für ihr Umfeld. Wer sich dazu bekennt, riskiert soziale Abwertung oder sogar Ausschluss. Statt Unterstützung zu erfahren, wird man oft erst einmal abgestempelt. Diese Angst ist real: Menschen mit Suchterkrankungen gehören zu den am stärksten stigmatisierten Gruppen – und genau das hält viele davon ab, offen darüber zu sprechen.
Warum erfahren Suchterkrankungen ein höheres Stigma als andere Erkrankungen?
Weil ihnen ein moralisches Urteil anhaftet: Man glaubt, Betroffene müssten „einfach aufhören“ – und die Gesellschaft zeigt, dass sie mit einem solchen Verhalten nicht einverstanden ist. Daraus entsteht Druck und Ausgrenzung – in der Hoffnung, die Betroffenen würden so ihr Verhalten ändern. Bei Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression ist klar, dass sie nicht einfach kontrollierbar sind. Bei Sucht hält sich jedoch die Illusion, mehr Druck helfe. Tatsächlich bewirkt dieser das Gegenteil: Betroffene schämen sich, verheimlichen ihr Problem, ziehen sich zurück – und genau das verschärft die Situation zusätzlich.
Was hilft gegen diese Stigmatisierung?
Am meisten gegen Stigmatisierung hilft Sichtbarkeit: Wenn genesene Menschen – also Menschen in Recovery – öffentlich zeigen, dass es ihnen gut geht und Genesung möglich ist. Das durchbricht das Bild vom „gescheiterten“ Suchtkranken. Tatsächlich erleben viele Abstinenz nicht als Verzicht, sondern als Gewinn und persönliche Stärke.
Wichtig ist ausserdem, Sucht pragmatisch und ohne moralische Wertung zu behandeln. Und wir müssen mit dem Mythos aufräumen, nur „willensschwache“ Menschen würden abhängig: Sucht kann grundsätzlich jeden treffen. Alles andere ist Selbsttäuschung und eine Beleidigung gegenüber den Menschen, die in eine Abhängigkeit rutschen: Sie sind kein bisschen unvernünftiger oder leichtsinniger als andere.
Sie sind Gründungsmitglied von "Recovery Deutschland" – einem Verein, der überwundene Suchterkrankungen öffentlich feiern will. Was können Sie dazu erzählen?
Der Verein wird vor allem von Betroffenen in Recovery getragen; sie besetzen Vorstand und Strukturen, Wissenschaftler unterstützen im Beirat. Das Hauptziel des Vereins ist der Recovery-Walk. Dieser hat letztes Jahr erstmals stattgefunden: ein öffentliches Fest mit einem Umzug durch die Stadt. Rund 700 Menschen haben teilgenommen und offen, stolz und ohne Scham gezeigt: Genesung ist möglich. Sie sind froh, dies hinter sich gelassen zu haben – vielen geht es heute besser als je zuvor. Diese Geschichten widerlegen das Klischee vom gescheiterten, freudlosen Leben in Abstinenz. Menschen in Recovery geht es oft gut, sie haben viel über sich gelernt und können ihre Erfahrungen weitergeben.
Die Idee hinter dem Walk ist: Recovery nicht verstecken, sondern feiern. Der grosse Zulauf zeigt, dass die Zeit dafür reif ist. Inspiriert ist das Konzept aus Schottland, wo solche Walks seit Jahren tausende Menschen anziehen. Entscheidend ist: Entstigmatisierung wirkt am stärksten, wenn sie von Betroffenen selbst ausgeht. Das ist glaubwürdiger als jede Aufklärungskampagne.
Wie war die Resonanz auf den Walk?
Es kamen Menschen von überall her – aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich und der Schweiz. Die Resonanz war gross, auch wenn das Presseecho eher verhalten blieb - vermutlich weil das neue Konzept des Recovery Walks noch wenig bekannt ist. Der nächste Walk findet am 12. September in Düsseldorf statt, und die Vorbereitungen laufen bereits sehr gut. Ziel ist es, Begegnung zu schaffen – und das ist schon gelungen: Die Teilnehmenden waren bunt gemischt, die Stimmung zugleich fröhlich und emotional. Für viele war es das erste Mal, offen mit ihrer Geschichte umzugehen – ohne Scham, sondern mit Stolz auf das, was sie geschafft haben.
Welche Botschaft haben sie für Fachpersonen der Gesundheitsförderung und Prävention?
Menschen mit eigener Recovery-Erfahrung sind eine enorme Ressource für Prävention und Gesundheitsförderung. Sie können auf besondere Weise Vorbilder sein und zeigen, dass Suchterkrankungen überwindbar sind. Deshalb sollte man sie stärker einbinden – als Peers oder Genesungsbegleiter. Sie bringen Kompetenz, Glaubwürdigkeit und eine Überzeugungskraft mit, die Fachpersonen allein nicht haben. Menschen, die eine Suchtkrankheit überwunden haben, sind absolut kompetent und auch belastbar.
Das neue Buch von Georg Schomerus erscheint am 27. August 2026 und kann bereits vorbestellt werden.
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