40 Jahre Konsumräume in Bern: «Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie sind»

Vor 40 Jahren entstand in Bern aus einer Krise eine neue Haltung: In der Münstergasse tolerierte CONTACT den Konsum illegaler Substanzen in einem geschützten Rahmen – damit entstand der weltweit erste staatlich tolerierte Drogenkonsumraum. Aus der improvisierten Überlebenshilfe von 1986 entwickelte sich ein professionelles Angebot der Schadensminderung in Bern. Im Gespräch blickt Bubi Rufener auf diese Pioniergeschichte zurück und erklärt, warum Konsumräume bis heute wichtig bleiben.

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Bubi Rufener, Leiter CONTACT Anlaufstelle Bern

Walter Rohrbach: Anlässlich des 40Jahr-Jubiläums Konsumräume in Bern möchte ich auf die Situation Mitte der 80er-Jahre in Bern zurückblicken: Wie sah die offene Drogenszene damals aus? Warum entstand gerade in Bern an der Münstergasse der erste Drogenkonsumraum?


Bubi Rufener: Die Umstände in Bern um 1986 habe ich persönlich eher am Rand erlebt, ich war damals in der Lehre als Buchhändler. Ich nahm aber wahr, dass es eine explosionsartige Zunahme von Konsumentinnen und Konsumenten gab. Das war nicht nur in Bern so, sondern in vielen Teilen Europas. Bern hatte das Glück, dass die damalige Stadtregierung und die bereits bestehende Stiftung CONTACT nach innovativen Lösungen suchten. In der Nähe der Münsterplattform, in der Münstergasse, gab es schon damals viel alternative Kultur. Man versuchte, kleine Räume zu mieten, um eine Art Treffpunkt aufzubauen: einen Ort, an dem Leute aus der Szene einen Kaffee oder Tee trinken, sich aufwärmen und in Kontakt kommen konnten. 

Wenn man mit diesen Menschen arbeiten will, muss man die Realität anerkennen.

Relativ schnell wurde klar: Das reicht nicht. Die Leute konsumierten weiter im öffentlichen Raum. Daraus entstand die Einsicht, dass man ihre Bedürfnisse ernst nehmen und Realität anerkennen muss – auch wenn man den Konsum selbst nicht gutheisst. So begann die Planung des ersten Konsumraums. In diesem Moment wurde deutlich: Es geht nicht anders. Also entschied man sich, diesen Schritt zu gehen.

Wie wurde der Konsum in der Jugendkultur oder in Jugendzentren akzeptiert? 
In den 1960er-, 1970er- und auch noch in den 1980er-Jahren war Drogenkonsum in Teilen der Jugendkultur durchaus präsent. Man wusste zwar, dass Heroin gefährlich ist, gleichzeitig war es aber auch in Musik und Subkulturen sichtbar und dadurch in gewisser Weise kulturell verankert und toleriert. 

Man hat aber auch gemerkt, dass es Menschen gibt, die daran völlig kaputtgehen. Und genau da begann sich die Drogenszene zunehmend aus dem allgemeinen Kultur- und Jugendbereich herauszulösen und zu einer eigenen Szene zu werden. 

In Jugendzentren oder autonomen Räumen wurde das irgendwann untragbar. In gewissen Teilen löste Heroin weiterhin eine gewisse Faszination aus und wurde als «schick» betrachtet, während andere Teile der Jugendkultur sich davon bereits wieder entfernten. Drogen(konsum) war insgesamt ein allgegenwertiges Thema, mit dem sich die gesamte Jugendszene auseinandersetzte.

Wie sieht die Anlaufstelle an der Hodlerstrasse in Bern heute aus?

Unsere Arbeit basiert auf einem Leistungsvertrag mit dem Kanton Bern. CONTACT ist eine Stiftung und im ganzen Kanton mit verschiedenen Angeboten in der Schadensminderung tätig – nicht nur mit Anlaufstellen, sondern auch mit Substitution, aufsuchender Arbeit, Drug Checking, Arbeit, Wohnen und weiteren Bereichen der Suchthilfe. Bern ist dabei der grösste Standort im Kanton. 

Bei uns an der Anlaufstelle arbeiten insgesamt rund 32 Mitarbeitende – interdisziplinär, also aus Sozialarbeit, Pflege, Administration, Reinigung und Küche. Für mich ist dabei zentral: In einem so belastenden Setting braucht es sehr gut ausgebildete, motivierte Fachpersonen und gute Arbeitsbedingungen, die uns CONTACT bietet. Wichtig ist uns auch, dass wir nicht nur hygienisch überwachten Konsum anbieten, sondern darüber hinaus weitere Angebote machen: von NADA-Ohrakupunktur über Freizeitaktivitäten bis zu pflegerischen und sozialarbeiterischen Unterstützungsangeboten. Ich bin überzeugt, dass Menschen in einem solchen Setting spüren müssen: Ich muss mich nicht noch mehr schämen und ich bin mehr als nur mein Konsum. Es geht also auch darum, Wertschätzung zu geben, Respekt und Selbstverantwortung zu stärken – und dies Schritt für Schritt, gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten.

In einem Interview anlässlich des Jubiläums sagst du, dass sich das Klientel im Vergleich zu früher verändert hat: Heroin ist heute deutlich weniger dominant, während Kokain stärker in den Vordergrund gerückt ist. Gleichzeitig erwähnst du dort, dass psychische Belastungen deutlich zugenommen haben. Woran machst du diese Entwicklung konkret fest – und was bedeutet sie für den Alltag in der Anlaufstelle?

Ein Teil des früheren Klientels ist weiterhin da – und dass Menschen, die vor 30 Jahren schon bei uns waren, heute noch leben, ist für mich auch ein Erfolg der Schadensminderung in der Schweiz. Gleichzeitig hat sich vor allem der Konsum und damit auch das Klientel verändert: Der intravenöse Opiatkonsum ist zurückgegangen, ganz verschwunden ist er aber nicht. Heute prägt vor allem Kokain die Situation, oft in Form von inhalativem Konsum. Heroin ist weniger zentral geworden, dafür sehen wir mehr Medikamentenkonsum und viel Mischkonsum.

Mit dem kokaingeprägten Konsum hat sich auch der Alltag verändert: Alles ist schneller, hektischer und oft weniger gemeinschaftlich als früher. Gleichzeitig erleben wir deutlich mehr psychische Belastungen – etwa massive Angstzustände, Psychosen oder starke Überreizung. Viele brauchen neben dem Kokain weiterhin auch die beruhigende Wirkung von Opiaten. Aber das heutige Klientel ist in einem ganz anderen Tempo unterwegs als früher, als ich angefangen habe. 

Früher haben wir mit den Leuten noch gekocht oder ein Skilager gemacht – solche Dinge gibt es zwar vereinzelt noch, aber sie sind viel schwieriger geworden. Das hängt stark mit Kokain zusammen. Kokain bringt psychische Nebenwirkungen mit sich: massive Angstzustände und psychotische Episoden. Das erleben wir in der Arbeit direkt mit. Darauf mussten wir reagieren: mit mehr Ruheräumen, Rückzugsmöglichkeiten und insgesamt einer Infrastruktur, die stärker auf Deeskalation ausgerichtet ist. Wir passen unsere Angebote, wenn immer möglich, rasch und pragmatisch den Bedürfnissen unserer Klientinnen und Klienten an.

Das heutige Klientel ist in einem ganz anderen Tempo unterwegs als früher.

Und wie ist der Zugang zu eurer Anlaufstelle geregelt, für wen seid ihr zuständig und richtet sich das Angebot nur an Menschen aus der Stadt Bern oder aus dem ganzen Kanton?

In erster Linie sind wir für Menschen zuständig, die im Kanton Bern angemeldet sind. Aus Sicht der öffentlichen Finanzierung ist das nachvollziehbar. Fachlich kann man darüber natürlich diskutieren, weil Suchthilfe idealerweise nicht an Kantonsgrenzen oder einem Aufenthaltsstastus scheitern sollte.

Grundsätzlich kommen die Menschen, die unsere Anlaufstelle nutzen, aus dem gesamten Kanton Bern. Es gibt daneben – abgesehen von der Volljährigkeit und der Tatsache, dass jemand bereits aktiv konsumiert – nur wenige Hürden.  Wichtig ist für mich: Wir konnten mit Politik und Repression gemeinsam eine Haltung entwickeln, die pragmatisch ist. Ist der Wohn- oder Meldeort nicht klar, werden Menschen nicht direkt abgewehrt, sondern wir schauen, wie wir mit den Menschen arbeiten können und welche Unterstützung sie benötigen, bzw. wohin wir sie triagieren können.

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Der erste Konsumraum, damals "Fixerstübli" genannt.
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Der heutige Konsumraum.
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Der heutige Inhalationsraum.

Der Zugang ist sehr niederschwellig. Gibt es aus deiner Sicht trotzdem Grenzen oder auch Nachteile dieser Niederschwelligkeit? Und ist es insgesamt nur positiv, dass der Zugang so einfach ist?

Diese Diskussion gibt es immer: Wie frei und wie schnell zugänglich sollen solche Orte sein? Mit dieser Frage muss man sich ernsthaft auseinandersetzen. Ich glaube sogar, dass wir in gewissen Punkten noch niederschwelliger sein könnten – etwa mit einem noch einfacheren Zugang zu gewissen Bereichen wie der Cafeteria (ohne Konsum). 

Gerade für Menschen mit unklarem Aufenthaltsstatus oder für junge Menschen kann ein zu hoher Zugangsschwellenwert ein echtes Problem sein. Wenn jemand Angst hat, sofort registriert oder kontrolliert zu werden, kommt diese Person vielleicht gar nie vorbei und mit uns ins Gespräch. 

Auf der anderen Seite hat eine «höhere Schwelle» oder eine Registrierung auch Vorteile: Man bleibt mit den Menschen in Kontakt, führt regelmässige Gespräche und verliert sie nicht völlig aus dem Blick. 

Für mich ist aber ein starkes Argument klar: Ein möglichst einfacher Zugang entlastet den öffentlichen Raum. Wenn Menschen zu uns kommen können, statt draussen zu konsumieren, profitieren am Ende auch Stadt und Quartier.

Ein wichtiges Argument ist also die Entlastung des öffentlichen Raums. Gleichzeitig gibt es rund um Konsumräume oder Anlaufstellen oft Widerstand aus dem Quartier. Wie ist das heute bei euch an der Hodlerstrasse? 

Solche Ängste gibt es natürlich. Der grosse Vorteil unseres Standorts ist aber, dass er sehr zentral und trotzdem nicht mitten in einem Wohnquartier liegt. Trotzdem gibt es Nachbarschaftsthemen, das ist völlig klar. Darum pflegen wir den Austausch mit den Nachbarinnen und Nachbaren aktiv, laden sie ein und diskutieren ernsthaft mit ihnen, was es braucht. Dabei geht es oft um sehr konkrete Dinge: Türen, Lärm, herumliegendes Material, das Sicherheitsgefühl oder die Frage, wie man miteinander spricht. Für mich ist entscheidend, dass man die Sorgen der Nachbarschaft ernst nimmt und gemeinsam nach Lösungen sucht. 

Wer völlig überreizt ist, braucht einen Ort, der nicht noch zusätzlich Stress erzeugt.

Und wie beurteilst du die Infrastruktur bei euch heute? 

Wir brauchen neue Konsumräume, die den heutigen Bedürfnissen entsprechen: weniger Lärm, ein gutes Lichtkonzept, passende Farben, mehr Ruhe und insgesamt mehr Rückzugsmöglichkeiten. Gerade bei kokaingeprägten Dynamiken ist das entscheidend. Wer völlig überreizt ist, braucht einen Ort, der nicht noch zusätzlich Stress erzeugt – beispielsweise grosszügige Räume, gute Ruheräume, rollstuhlgängige Zugänge oder einen guten Pflegeraum. Solche Dinge sind heute zentral, auch weil unsere Klientel älter wird und die gesundheitlichen Belastungen zunehmen.

Wir warten inzwischen seit vielen Jahren auf einen Umbau. Wenn alles wie geplant läuft, soll er 2027 starten und rund zwei Jahre dauern. Eigentlich ist es fast beschämend, dass dieses Haus nicht schon längst renoviert worden ist. Gleichzeitig ist es ein schönes, erhaltenswertes Gebäude – und genau das macht bauliche Veränderungen auch kompliziert.

Wenn du auf diese 40 Jahre zurückblickst: Was haben die Konsumräume Bern aus deiner Sicht konkret gebracht? 

Den Menschen, die heute zu uns kommen, geht es besser als den Klientinnen und Klienten vor 40 Jahren. Allein schon die Möglichkeit, mitgebrachte Substanzen zu testen, hygienisch und an einem geschützten Ort zu konsumieren, hat enorm viel verändert. Dazu kommt: Die Menschen müssen nicht mehr draussen konsumieren. Sie können bei uns sein und mit uns sprechen, wenn sie wollen. Auch für die Öffentlichkeit hat es enorm viel gebracht, dass es deutlich weniger offene Drogenszenen gibt. 

Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Ein System wie dieses muss sich weiterentwickeln. Ich glaube zum Beispiel, dass wir die Zusammenarbeit mit der Psychiatrie zu lange unterschätzt haben. Wenn Angebote fehlen, kann es schnell wieder kippen. Darum reicht es nicht, einfach irgendwo einen provisorischen Konsumraum hinzustellen. Es braucht professionell geführte, gut eingebettete Angebote, die die Menschen wirklich abholen. Insgesamt ist das für mich ein Erfolgsmodell. Die Schweiz war hier sehr früh, sehr mutig und in vielem auch international wegweisend. Darauf sind wir durchaus stolz.

Was ist aus deiner Sicht von aussen das grösste Vorurteil – gegenüber einem Konsumraum, gegenüber den Klientinnen und Klienten oder vielleicht auch gegenüber den Fachleuten, die dort arbeiten?

Gegenüber dem Klientel bestehen harte Vorurteile: Sie gelten als dreckig, gefährlich, laut oder angsteinflössend. Statt von Menschen zu sprechen, werden oft abwertende Begriffe verwendet. Viele haben Angst vor diesen Menschen. Sie werden ausgegrenzt und auf das reduziert, was nach aussen am meisten irritiert. Dabei bleiben jene unsichtbar, die sich unauffällig verhalten und ebenfalls zu dieser Gruppe gehören. Genau das verstärkt die Stigmatisierung.

Auch gegenüber der Anlaufstelle gibt es Vorurteile - von der Öffentlichkeit und selbst von Fachleuten: Viele halten sie für eine Drogenabgabestelle. Wir sind aber eine Anlaufstelle und bieten Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

Was wünschst du dir für die Zukunft – für Bern, die Suchthilfe und die Menschen, die zu euch kommen?

Ich wünsche mir weniger Stigmatisierung und mehr Akzeptanz gegenüber Menschen, die krank sind, nicht leistungsfähig sind und am Rand der Gesellschaft stehen. Da haben wir Fortschritte gemacht, aber wir sind noch lange nicht dort, wo wir sein sollten.

Politisch müsste viel mehr passieren. Wir hätten die Möglichkeiten, hier mutiger zu sein. Für mich ist klar: Wir müssen die Diskussion über Entkriminalisierung und Regulierung endlich konsequent führen, Modelle zur Kokainabgabe ernsthaft prüfen und das Betäubungsmittelgesetz grundlegend überarbeiten. Der Widerspruch ist offensichtlich: Die organisierte Kriminalität macht die Gewinne, und wir bezahlen die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgekosten. So kann es nicht weitergehen.

Gleichzeitig brauchen wir weiterhin sehr gut ausgebildete Fachleute, die interdisziplinär arbeiten. Aber wir dürfen nicht in einer Fachblase bleiben. Wissenschaftliche Grundlagen sind wichtig, doch sie müssen praxisnah sein. Darum müssen wir auch weiterhin mit Politik, Polizei, Quartier und Öffentlichkeit im Gespräch bleiben, erklären, diskutieren und auch Kritik ernst nehmen. Weiterentwicklung entsteht im Dialog.

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